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Ernst begann beinahe drückend auf der jungen Mädchenseele zu lasten. Der besorgte Vater, dem ihre Verwandlung Kummer erweckte, brachte sie in den Lärm der Welt, in den Glanz und in die stürmisch gedrängte Bewegung der Weltstadt London. Vergnügen und Belehrung wechselten nach dem wohlausge- dachtcn Plane des Vaters, um ihre Bildung zu vollenden und ihr zugleich gegen den Trübsinn ihrer ländlichen Einsamkeit eine Heilkraft zu bieten.
(Forts, folgt.)
Shakespeares Othello.
Zweiter Artikel.
Ich habe im vorigen Artikel versucht, den Mohren, wenn auch nicht weiß zu waschen, doch etwas von der Anschwärzung des Herrn Boltzmann zu befreien. Es ist auch in der That kein Grund vorhanden, der „göttergleichen Desdemona", diesem „vollendeten", „holdseligen Geschöpft", diesem süßen Weibe, „das an eines Kaisers Seite hätte ruhen und ihm Sklavendicnstc auferlegen können", einen wollhaarigen Neger aus dem Innern Afrika's gegcnübcrzu- stcllen; die Verschiedenheiten, Gegensätze, ja das Ungewöhnliche und Unnatürliche des ganzen LiebesvcrhältnißcS bleiben wahrlich noch groß genug. Gibt es doch sogar Bcnrthciler, welche geradezu die innere Wahrheit der Dichtung in dieser Hinsicht bestreiten und nur dann an eine Hingabe, wie wir sie bei Desdemona sehen, glauben wollen, wenn eine sinnliche Begier oder eine lüsterne Bizarrerie obwalte. Indessen geht auch dies zu weit. Solche Annahmen sind Blasphemien gegen die wunderreiche Macht und Natur der Liebe, wie gegen das wahrheitschauende Auge des Dichters zumal. Shakespeare hat in Desdemona und in ihrer Vermählung mit Othello das Weib voll ruhiger, scclcnrcincr Liebe, nicht das Bild der sinnlichen Leidenschaft hingestellt, und daß er dies geistig- und naturwahr konnte, dafür bürgt sein erfahrungsreiches Leben, sein Genie und sein herzcnskundigcr Blick. Jago bezweifelt zwar die Reinheit und dauernde Innigkeit des Verhältnisses:
Wäre sie sittsam, sie hätte nie den Mohren geliebt .... Wenn das Blut durch den Genuß abgckühlt ist, dann bedarf es, um sich selbst auf's Neue zu entflammen :e. Anmuth der Gestalt, Uebereinstimmung in Jahren, Gesittung und Schönheit.
Allein in seinem Munde kann dies Urtheil nicht Wunder nehmen. Iago erkennt überhaupt keinen Werth an, ja er verfolgt DeSde- demona, die ihm nicht das Geringste zu Leide gethan hat, gewisser Maßen eben ihres Werthes willen. Dagegen nennt Brabantio sein Kind so „sittsam", so jungfräulich rein, „daß jede Regung erröthend schwieg"; und Othello legt in der furchtbaren Nacht der Vernichtung das sprechendste Zeugniß in die Frage:
Kalt mein Mädchen? kalt wie deine Keuschheit?
Andere haben in Desdemona kein individuelles Wesen, sondern das liebende, duldende, reine, im Zwiespalt der argen Welt zu Grunde gehende Weib im Allgemeinen, finden wollen. Doch ver
dient auch diese Ansicht, wie genehm und willkommen sie manchen Darstellerinnen der Rolle sein mag, keinen Beifall. Ein Dichter wie Shakespeare liefert nicht bloße Menschen-Typen und Schablonen, sondern wahre und wahrhaftige Gestalten, Einzelwesen, Geschöpfe mit lebendigen Eigenthümlichkeiten und Bcfonderh eiten. Zwar sind vorliegend, bei der reichen Vollkommenheit, in der Desdemona überhaupt hingestellt wird, die Züge des bestimmten und eigenthümlichen Gepräges etwas versteckt, allein sie sind doch da und dürfen bei der Auffassung und Darstellung durchaus nicht außer Acht bleiben. Desdemona ist noch zartesten Alters; ihre häusliche Selbstständigkeit hat ihr eine gewisse Festigkeit und Entschiedenheit gegeben, sonst aber ist sie wie ein Kind, so arglos, so empfänglich und verletzbar, so neugierig, mittheilsam und wunder- gläubig. Sie fühlt dies selbst:
Wer Kinder unterrichtet
Gibt ihnen freundlich leichte Arbeit auf;
So konnt' er mich ja schmähten, denn fürwahr, Ich bin ein Kind für's Schmähten. (IV, 2)
Wie Mährchen hört sie die Erzählungen Othello's an, sie sind ihr „unendlich rührend" und „mit durst'gem Ohr verschlang sie seine Rede." Sie glaubt an die „Völker, denen der Kopf unter der Schulter wächst", wie später an die „wunderbaren Eigenschaften» des Schnupftuchs; sie plaudert, fragt, und wenn sie des Mohren Worten lauscht, sieht sie „sein Antlitz nur in seiner Seele.» Bei den Gefahren und Schrecknissen, die Othello bestand, bebt sic schauervoll zusammen, aber um so inniger rankt und klammert sich daS weiche Kind an die sichere Kraft des gewaltigen Mannes. Sie scheut sich und scheint „seinen Blick zu fürchten», aber dcn- 'noch weiht sic „seinem Heldensinn" ihre Seele und denkt, „seiner Rauhheit schon den Stab zu brechen". Sie ist nicht unempfänglich für feines Betragen: sie lobt den Ludovico als einen „feinen Mann", aber höher stellt sie doch, daß er so „gut spricht", und Othello sprach und erzählte für sie noch besser, er erzählte „seltsam und rührend." —
Alle diese Züge hatte Fräulein Thate der Dichtung mit richtigem Sinn und Verständniß abgclauscht. Sie gab nicht bloß das junge, schone, sittsame Fräulein, nicht bloß das liebende, duldende Weib, die treue, sanfte, gehorsame Gattin, nicht bloß das feine, gewandte, „holdselige Geschöpf", das „im Umkreis alles Wirk- lichen nicht seines Gleichen hat»; sondern auch das arglose, neugierige, erschreckte Kind, das rührende Bild der vollsten Unschuld, das fromme, gläubige Gemüth, das verzeihend als Opfer eines wenn auch verschuldeten, doch unverstandenen Verhängnisses fällt. Mit feinstem Takt und richtiger Einsicht sprach und spielte Fräulein Thate. Ich wüßte ihr dies Mal kein tadelndes Wort zu sagen. Selbst ihr Gesang war leidlich und lieblich, wenn er auch gerade nicht „die Wildniß eines Bären zu zähmen" im Stande gewesen sein dürfte, wie Othello von Desdemona rühmt. —
Die Rolle des Jago war bei Herrn Pauli in guten Händen. Der talentvolle und strebsame Künstler hatte ihr ohne Zweifel ein tüchtiges und erfolgreiches Studium gewidmet; auch gelangen ihm die meisten Partien in der Ausführung sehr gut; doch, meine ich, könnte noch Manches gebessert werden. Ich will hier vornehmlich auf Zweierlei aufmerksam machen. Ein Mal nüancirt Herr Pauli an manchen Stellen, namentlich in den Monologen, nicht genug. Die Monologe sind der hauptsächlichste Tummelplatz für Jago's „Theologie der Hölle"; dort vor Allem zeigt sich, mit welcher Ueber-