Unterhalt nngsblatt
zur Reum HeMfichen Zeitung.
M 19» Sonntag, den 12. Mai. 1830»
Elisabeth Fry.
Ein Bild englischer Frömmigkeit.
Charity to the soul is the soul of charity. Seelenpflege ist die Seele der Armenpflege.
L. Fry.
Edle Seelen, hieß es sonst bei unsern Dichtern, wirken durch ihr Sein! Mit Nichten. Hülfreich sei der Mensch, handelnd greise er ins bedürftige Leben, mit der That beweise sich, was christliche Liebe heißt! Tausend Augen sehen sich täglich scheu nach Hülfe um, tausend Lippen verstummen um uns her in geheimem Schmerz, tausend Arme wagen nicht sich aus- zustrccken. Nicht das laute Elend ist das bitterste, sondern das in stiller Kammer und hinter Eisenstäben sich verblutende. Darum bedarf es der wachsamen Klugheit, wo es Menschenliebe zu bethätigen gilt. Wir hören in Deutschland so viel von frommen Sekten und Seelen. Sie beten viel und handeln wenig. Der frommen Schwelgerei in Gefühlen ist mehr bei uns als der klugen thatraschen Lust, ins hülfsbedürs- tige Leben einzugreifen. — Wir geben hier das Bild einer wunderbar praktischen Frömmigkeit Altenglands.
Am 21. Mai 1780 wurde Elisabeth Gurney zu Norwich in England geboren. Ein zartes, nervenschwaches, furchtsames Kind, sah sie sich in ihrer Familie äußerlich und innerlich von Reichthum, vom Reichthum des Besitzes und der Bildung, umgeben. Auf einem lieblichen Landsitze fehlte es auch nicht an den lachenden Reizen der Natur; eine geistvolle Mutter waltete harmonisch in den Kreisen eines genußreichen, aber streng behüteten Lebens. Es fehlte der Familienbildung des Hauses auch nicht am ernsten schweren Gewicht religiöser Eindrücke. Erzählungen und bildliche Darstellungen aus dem alten Testament prägten sich der jungen Seele Elisabeths von früh ein; vor Allem die Scene, wo Abraham im mißverstandenen Drange, dem Herrn sein Liebstes darzubringen, seinen Sohn zum Opfer bereitet. — Jm zwölften Jahre ihres Lebens verlor sie plötzlich ihre Mutter.
Elisabeth sah sich mit sechs Schwestern der bisherigen Leitung beraubt und alsbald Kreisen der Gesellschaft überlassen, in welchen man der religiösen Stimmung des englischen Familienlebens gegenüber Zerstreuung und Erholung vom schweren Dienst der Geschäftswelt sucht. Der vielbeschäftigt , von Natur den guten Mächten vertrauende Vater überließ die sieben Töchter auf dem Landsitze meistens sich selbst. Der Ton wurde weltlicher; Tanz und Gesang wechselten im Hause, ohne daß jedoch irgendwie Maß und Sitte überschritten wurde. Elisabeth selbst entwickelte eine liebliche Stimme; sie sang mit ihrer Schwester Rahel vortrefflich die Volkslieder des Landes. Wenn Kavaliere aus der Nachbarschaft, Squires mit ihren Familien auf dem Landsitze des. Hauses Gurney erschienen, saßen die Töchter tapfer zu Pferde und tummelten Rosse mit gewandter Hand. Elisabeths, zarte Gestalt war mit der Fülle ihrer blonden Locken das Bild einer Amazone. Aber hinter dem Ausdruck ihrer freundlichen Anmuth lag im Versteck ihres Auges ein geheimer, stiller, scheu suchender Ernst. Der Drang einer tiefern Sehnsucht blieb mitten im Strom der Gesellschaft, mitten unter den Reizen der Natur ungestillt. Eine erst sechzehnjährige Jungfrau suchte sie heimlich nach dem unsichtbaren Gott, ohne ihn unter den Menschen, ohne ihn in der Natur zu finden; die Angst einer bangen Sorge überfiel sie dann, ihr klarer Blick verfinsterte sich, sie sah Alles im Dunkeln, zweifelte an dem bisher für fest Gegoltenen und entdeckte Thorheit und Eitelkeit in Allem. Sie zählte achtzehn Jahre, als ein Abgeordneter von der „Gesellschaft der Freunde", wie sich die Quäker nennen, aus Amerika nach England kam und auch in Norwich predigte. Es war William Savary, ein Neubekehrter, der um so mehr aus feurigem Drange sprach, als das Heil, das ihm geworden, ihm selbst noch ein neues und srisches war. An jenem Tage schrieb Elisabeth in ihr Tagebuch: Heute habe ich gefühlt, daß ein Gott ist! Ein tiefer Ernst kam seitdem über sie, es erschlossen sich ihr Quellen eines höheren Lebens. Dieser