Unterhaltungsblatt
zur Reueu Heffifchen Zeitung.
M 17 Sonntag den 28. April. 1S5O*
Die deutschen Volksstämme und die Kleinstaaterei.
Es muß, abgesehen von den Bayonneten und diplomatischen Künsten, mit den Gründen gegen die Einheit Deutschlands ziemlich schlecht stehen, da man so großes Gewicht auf die Verschiedenheit Der deutschen Volksstämme legt. Sehet hin auf den Tiroler und den Berliner, ruft man aus, welche Verschiedenheit! Von einem berliner und tiroler Volksstamm ist nun freilich in der Geschichte nichts bekannt; sieht man aber in einem naturwüchsigen Gebirgsvolke und in verfeinerten Großstädtern ein unübersteiglicheS Hinderniß einer staatlichen Einigung, dann könnte allerdings kein Volk, welches Gebirge und auch große Städte bewohnt, zu derselben gelangt sein. Ist von Volksstämmcn nach der deutschen Geschichte die Rede, so haben wir nur Franken, Sachsen, Baiern und Schwaben, die aber gegenwärtig, selbst Baiern nicht ausgenommen, sich keineswegs mehr in ihrer alten Stammeseigenthümlichkeit geltend machen. Welchen Stammes, von den Deutschen in Oesterreich ganz abgesehen, sind aber die Bewohner des alten Preußen, überhaupt aller der deutschen Länder, die ehemals von den Slaven eingenommen waren? Sehen wir auf die europäischen Reiche, so finden wir fast in allen nicht bloß verschiedene Volksstämme vereint, sondern vielmehr ganz verschiedene Völker. Sind in Frankreich etwa nur Franzosen, die selbst noch überdieß ein Mischvolk sind? Gehören zu diesem Reiche nicht auch Deutsche, Italiener, Celten in ihren Volksstämmen re. Ist es nicht ebenso in Spanien, England und anderen Reichen? Die Verschiedenheit der Volksstämme an sich in Deutschland ist gewiß kein wesentliches Hinderniß der staatlichen Einheit. Diese Verschiedenheit ist gar nicht mehr so lebendig im deutschen Volke. Viele Millionen Deutsche können nicht einmal sagen, welchem Volksstamme sie angehö-. ren, und andere, denen man ihre Volksabstammung wohl
durch gelehrte Forschungen nachweist, sind sich derselben der überwiegenden Zahl nach kaum bewußt. Daß es aber andere verschiedene Richtungen jetzt im deutschen Volke gibt, die einer Einigung entgegenstehen, soll deßhalb nicht geleugnet werden; die Verschiedenheit der Volksstämme ist dies aber durchaus nicht wesentlich. Dagegen ist es wahr, daß sich die Deutschen in kleinstaatlicher Rücksicht gruppirt haben. Der ehemalige Reichsstädter, der Unterthan eines geistlichen Fürsten sowie eines weltlichen Hauses weiß es heute noch recht gut, was er in dieser Hinsicht selbst vor Jahrhunderten war, nur daß auch hier in manchen Gegenden der fortwährende Ländertausch es nicht zu einem klaren Bewußtsein hat kommen lassen, wer man eigentlich war. Diese Gruppirung, nicht so aber die nach den Volksstämmen , ist auch heute noch lebend und nachwirkend. Sie aber gerade ist bis hierher von den Machthabern wenig geachtet worden. Ländertausche, Einziehungen, Erbanfälle und Eroberungen haben diese Gruppirungen seit Jahrhunderten gestört, und zwar ohne daß die neue Gestaltung auf lebhaften Widerspruch gestoßen wäre. Was nach solchen Einverleibungen etwa wahrhaft naturwüchsig war, wurde in der Regel beibehalten , und so betrachtet sich z. B. der ehemalige Hen- nebcrgcr, mag er diesem oder jenem Staate zugetheilt worden sein, immer noch als Henneberger, ohne daß dies in die neue Ordnung der Dinge störend eingriffe. Aber gerade so, wie seit der Auflösung des Deutschen Reichs Hunderte solcher staatenähnlicher Gruppirungen in größern Staaten aufgegangen sind, gerade so würde es auch bei einer weiteren Aufhebung der deutschen Kleinstaaterei zum Besten der Einheit Deutschlands, sollte sie auch nicht Alle umfassen, die deutsch sprechen, der Fall sein. Nicht der deutsche Volksstamm Reuß, Lippe, Waldeck, Liechtenstein re., die wir übrigens gar nicht kennen, tritt einer wahrhaften staatlichen Einheit Deutschlands entgegen, auch sind es die gedachten Gruppirungen nicht, wohl aber die Lust an der Kleinstaaterei selbst. Diese Lust haben ein Mal die Dema-