Einzelbild herunterladen
 

Unter h alt nngsblatt

zur MU« Hessisch« Zeitung»

^ 1b Sonntag den 21. April. 1S5O*

Vöthe's Faust.

Es ist Viel darüber gestritten worden, ob der- thesche Faust für die Bühne geschrieben sei, ob er sich zur scenischen Aufführung eigne oder nicht. Mir scheint dieser Streit, wie so mancher andere über die wunderbare Dichtung des großen Meisters, ein ziem­lich müssiger und unerquicklicher zu sein. ,War der Faust kein Bühnenstück, so ist er's geworden. Göthe selbst hat ihn gleich Anfangs alsTrauerspiel" (f. Ausgabe von 1790) angelegt;. Göthe selbst hat eine Bearbei­tung und Zurichtung derTragödie" für das Theater vorgenommen und gutgeheißen; der Faust ist dann unzählige Male aufgeführt, mit Beifall aufgeführt worden; Mosen in Sonderheit hat ihn fast unver­kürzt auf die Bühne gebracht: ich dächte, das wären Zeugnisse und Anlässe genug, um die Frage von der Aufführbarkeit re. als thatsächlich gelöst ^und erledigt zu betrachten. Bon Bedeutung ist der Streik jedoch in sofern, als es sich darum handelt, wie Viel oder wie Wenig von der götheschcu Dichtung wegzulassen sei, um das Ltückbühnengerecht" zu machen. Denn daß nicht Alles vor Äuge und Ohr gebracht werden kann, ist eben so klar, als es zweifellos ist, daß nicht willkürlich gekürzt und geändert werden darf, wenn der Faust eben noch der göthesche Faust bleiben soll. Iulius Mosen hat bei den Aufführungen in Oldenburg abgesehen von den Blockobergscenen nur ganz unbedeutende Auslassungen vorgenommen; der Erfolg soll ein durchaus befriedigender gewesen sein. Indessen wird sich nicht verkennen lassen, daß auch größere Kürzungen unbeschadet des Wesens der Dichtung möglich sind, und daß schon die unerbittlichen Rücksichten auf die Dauer der Vorstellung es entschuldbar machen, wenn die Möglichkeit benutzt und die Kürzungen wirklich vorgenommen werden. So sind die s. g.Bearbeitungen" entstanden, von denen die von Klingemann und Seydelmann (mit lindpaintyerscher Musik) die gangbarsten sind. Die letztere ursprünglich für die stuttgarter Bühne be­stimmt wird auch bei uns den Aufführungen des Faust zum Grunde gelegt. Lie ist indessen, soweit Seydelmann dabei thätig gewesen, wohl mehr als eine scenische Gliederung, denn als eine eigentliche Bearbeitung zu betrachten, da den Aufführungen des Faust auf dem stuttgarter Theater eineeigenhändige für die weimarsche Bühne bestimmte Bearbeitung- the's" zum Grunde liegen soll. Das seydelmannsche Buch beginnt mit dem Monologe Faust's. Auch bei uns

schreitet" man deßhalb nicht

.... in dem engen BrettcrhauS

Ten ganzen Kreis der Schöpfung auS, man wandelt nicht

.... mit' bedächt'gcr Schnelle

Som Himmel durch die Welt zur Hölle;

sondern man fängt gleich mit der Welt, nämlich in demhochgcwölbten gothischen" Studirziinmer Faust's an. Dabei wird der Monolog auch der im seydel- mannschen Buche noch gewaltig beschnitten. Ich will dies eben nicht tadeln:

Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen

Probirt ein Jeder, waS er mag.

Die Monologe Faust's mag aber schon Mancher probirt und sich und Andere dabei überzeugt haben, daß es besser sei, sich weise zu beschränken, als die Bewältigung einer so unendlichen Fülle vergebens zu versuchen. Dagegen hat der seydelmannsche Tert eine Menge anderer Aenderungen bei uns erlitten, welche kaum zu billigen, ja zum Theil entschieden zu tadeln sind. So bleibt in einer Scene der zweiten Abthei­lung eine längere Unterredung zwischen Faust und Mephistopheles und mit ihr die wichtige Stelle weg:

Nun kenn' ich deine würd'gen Pflichten!

Du kannst im Großen Nichts vernichten

Und fängst es nun im Kleinen an.

Auch die gänzliche Weglassung der Verfluchungen im dritten Aufzuge ist mehr als bedenklich:

Fluch sei dem Balsamsast der Trauben!

Fluch jener höchsten yiebeShuld!

Fluch sei der Hossnung, Fluch dem Glauben!

Und Fluch vor allem der Gxduld f

Nicht minder ungern vermißt man die Worte:

Ich fühle, Mädchen, deinen Geist

Ter Füll' und Ordnung um mich säuseln re, Das Verlangen nach rastloser Thätigkeit, der Sinn für geregelte Ordnung sind wesentlich im Faust; sie vermitteln sogar seine Rettung und Auferstehung nach tiefem Fall. Vor Allem aber ist die Weglassung der Stelle:

Geschrieben steht, im Ansang war das Wort re. durchaus nicht zu rechtfertigen. Es scheint dies auch erst eine Neuerung jüngerer Zeit zu sein, denn bei einer früheren Aufführung meine ich die Uebersetzung und Erklärung des biblischen Logos nicht vermißt zu haben. Die Stelle darf aber platterdings nicht fehlen. Sie ist, ganz abgesehen von ihrem inneren Werthe und von der Beziehung auf die Unruhe des Pudels, um deßwillen nicht zu entbehren, weil der Schluß: Ich schreib getrost, im Anfang war die That", für das Wesen und die Auffassung des Faust von großer Bedeutung ist und weil durch ihre Auslassung die spätere Aeußerung des Mephistopheles:Die Frage