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Unterhaltungsblatt

zur ODD Hessischen Zeitung.

M LS Sonntag -en S1 März. 185O*

Nede des Wonoso Cortes, Marquis von Valdegamas über die Lage Curopa's.

Bei Gelegenheit der jüngsten Steuer-Bewilligung im spanischen Kongreß hat Herr Donoso Cortes, Mar­quis von Valdegamas, seither spanischer Gesandter am preußischen Hofe, eine Rede gehalten, welche nicht nur in Spanien, sondern auch auswärts die größte Aufmerksamkeit erregt hat. Gegenüber der Forderung einer Verminderung der Staatsausgaben, welche be­sonders durch eine Verminderung des stehenden Heeres erreicht werden müßte, fand der Marquis sich veran­laßt, einen Blick auf die allgemeine europäische Lage seit der Februar-Revolution zu werfen. Obgleich wir seine Anschauung nicht durchweg theilen, so ist dieselbe doch von einem so hohen sittlichen und politischen Ernst getragen, ist seine Rede doch so ausgezeichnet durch eine kräftige Charakteristik der gegenwärtigen Zustände, daß wir es angemessen finden, dieselbe in ausführ­lichen Auszügen mitzutheilen.

Nachdem der Redner die Unmöglichkeit dargethan, in diesem Augenblicke vorzugsweise die ökonomischen Fragen in Spanien zu behandeln, wirft er folgenden Blick auf Europa, wie es seit der Februar-Revolution sich gestaltet hat.

Seit dieser Revolution furchtbaren Andenkens gibt es nichts Festes, nichts Sicheres mehr in Europa. Spanien ist in diesem Augenblicke zwar fester, als andere Länder, und doch, meine Herren, Sie sehen, was Spanien ist; diese Versammlung ist die beste, und Sie sehen, was diese Versammlung ist! Spa­nien ist in Europa, was eine Oase in der Wüste Sa­hara ist. Ich habe mit den Weisen gesprochen und ich hahe gesehen, wie wenig bei solcher Lage der Dinge die Weisheit vermag; ich habe mit muthvollen Männern gesprochen und ich weiß, wie wenig in sol­chen Gefahren die Tapferkeit vermag; ich habe mit sehr klugen Männern gesprochen und ich weiß, wie

eitel alle Klugheit bei so schrecklicher Ungewißheit ist. Betrachten Sie den Zustand von Europa. Es scheint, als ob alle Staatsmänner die Gabe der Ueberlegung verloren haben; die menschliche Vernunft wird von plötzlicher Verdunkelung befallen, alle Institutionen fallen dem Umsturz anheim und die Nationen gehen einem großen und jähen Fall entgegen. Werfen Sie, meine Herren, mit mir einen Blick auf Europa von Polen bis Portugal und sagen Sie mir, Hand aufs Herz, sagen Sie mir auf Pflicht und Gewissen, ob Sie eine einzige Gesellschaft finden, die sagen könnte: Ich ruhe auf sicheren Grundlagen", eine einzige Grundlage, von der man sagen könnte, sie sei stark in sich selbst. Man entgegne mir nicht, die Revolu­tion sei besiegt in Spanien, sei besiegt in Italien, besiegt in Frankreich, besiegt in Ungarn; nein, meine Herren, das ist nicht wahr. Wahr ist, daß die Ver­einigung aller bis auf den äußersten Grad ihrer Macht geschraubten socialen Kräfte kaum genügt hat, eben nur vorläufig ausgereicht hat, das Ungeheuer zurückzuhalten. Nicht hier, in Frankreich kennt man die Fortschritte des Socialismus. Nun, so erfahren Sie denn, daß es drei große Schauplätze des Socia­lismus gibt. In Frankreich sind die Schüler, nichts als die Schüler; in Italien blinde Diener, nichts als blinde Diener; in Deutschland sind die Priester und Herren. Die Wahrheit ist, meine Herren, daß trotz jener Siege, die von Siegen Nichts an sich haben, als den Namen, die Sphynr schrecklich vor Ihren Augen ist und daß sich bisher kein Oedipus gefunden hat, das Räthsel zu lösen. Die Wahrheit ist, daß das Räthsel vorhanden ist und Europa es nicht zu lösen weiß, noch vermag. Das ist die Wahrheit! Für Jeden, der gesunden Menschenverstand und einen durchdringenden Geist besitzt, kündigt Alles eine nahe und verderbliche Krisis, eine Sündfluth an, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat.

Beachten Sie, meine Herren, diese Symptome, die sich nie zeigen und die sich besonders nie zusammen