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Oktober 1808 fand hier der große Fürst èn-Kongreß Statt, das einzige hervorragende Ereigniß der neueren Geschichte, das sich an Erfurts Namen knüpft. Na­poleon zeigte sich hier seinem damaligen Bunvesge- nossen Alexander auf dem Gipfel seiner Macht, um# geben von dem Glanze eines Gefolges, wie es seit langen Jahrhunderten kein Kaiser um sich gesammelt. Weben vielen anderen fürstlichen Lehensträgern befan­den sich in demselben auch die vier deutschen Kö­nige, die ihm ihre Kronen verdankten.

Trotz zahlreicher verheerender Feuersbrünste, welche die Stadt bis in die Zeit der letzten Belagerung betroffen haben, ist ihr alterthümliches Gepräge doch im Wesentlichen unverlöscht geblieben. In der Planlosigkeit der ganzen Anlage, in den sich wirr durchkreuzenden engen und winkeligen Straßen, in der vielfach hervortretenden eigenthümlichen Architektur, namentlich aber in der Menge der Thürme und Kir­chen, deren viele deutliche Spuren beginnenden Ver­falles an sich tragen, kündigt sich der mittelalterliche Ursprung an. Unter allen diesen Monumenten mittel­alterlicher Baukunst ist jedoch kein Werk ersten Ranges; denn auch der Dom ist aus Bruchstücken verschiedener Jahrhunderte und zum Theil unreinen Styles zusam- mengesetzt, obwohl es ihm an zahlreichen einzelnen Schönheiten nicht fehlt. Hier befindet sich der Grab­stein des durch seine Doppelehe berühmten Grafen von Gleichen und die große, 275 Centner schwere Glocke „Susanna". Auf einer Mittelhöhe zwischen der Stadt und den Werken des Pctersbergcs bildet der Dom mit der unmittelbar angränzenden Severi- kirche eine imposante Gruppe. Zu dem Friedrich- Wilhelmsplatze, dem ausgedehntesten der Stadt, führt eine breite Treppe mit steinernen Stufen hinab. Un­ter den übrigen Kirchen ist die der Augustiner zwar nicht durch ihre Architektur, aber durch die an sie geknüpften historischen Erinnerungen die denkwür­digste. Hier trat bekanntlich Luther 1505, nachdem er seine juristischen Studien an der Universität aufgcge- ben, in den Orden, und man zeigt in dem anstoßenden evangelischen Waisenhause seine Zelle und mehrere Reliquien. In einem andern Theile der Klosterge­bäude wurde 1821 das Marlinsstift begründet, dessen Lokalitäten neben der Kirche selbst für das Parlament in Anspruch genommen und einem vollständigen Um­bau unterworfen sind.

Man schätzt jetzt Erfurts Bevölkerung auf etwa 30,000 Seelen. Der von den Festungs-Werken um­

schlossene Umfang ist jedoch so ausgedehnt, daß er mehr die frühere, als die gegenwärtige Volkszahl an­deutet. Es sind zwar auch jetzt noch mehr, als 3000 Häuser vorhanden, aber der größere Theil ist unan­sehnlich, und viele der früher mit Wohnungen besetzten Räume sind in Gärten verwandelt. Die Gera durch­schneidet die Stadt in einigen Armen, und überdies verzweigen sich kleine Kanäle durch mehrere Straßen. Diese Wasserfülle bringt ein sehr glückliches Moment der Heiterkeit und Gesundheit in das Leben der Stadt.

Neben der Umwallung ist Erfurt durch zwei Cita­dellen geschützt, den Petersberg, welcher durch den Dom unmittelbar mit der Stadt zusammenhängt und die am andern Gera-Ufer emporragende Cyriaksburg. Diese Werke sind umfangreich und von sehr bedeuten­der Stärke. — Neben diesen befestigten Bergrücken bildet der noch höhere „Steiger" einen dritten schan­zenartigen Abfall des thüringer Waldes. Seine mit Laubholz bewaldeten Hänge bieten anmuthige Spatzier­gänge und die freundlichste Aussicht auf die reich be- thürmte Stadt und die sich an sie anschließende thü­ringische Ebene. Diese zeichnet sich durch große Frucht­barkeit aus und der Gemüsebau und die Gartenkunst Erfurts behaupten bis heute ihren alten Ruf und bilden eine Quelle des Wohlstandes, welche manche andere seitdem versiegte überdauert hat.

Neberrheirnsche Iilbcrbliâe.

Als Probe, welche Sprache die Organe der rothen Presse in Frankreich führen, mögen folgende zwei Müsterchen dienen, welche wörtlich der Proudhon'schen „Kolksstimme" (voix du peuple) entnommen sind. — „Ein sehr respektabler Galeerensträfling, zu den Ga­leeren verurteilt unter dem Tyrannen wegen eines politischen Verbrechens gegen das Eigenthum, flüchtete, wurde wieder eingefangen und auf's Neue auf die Galeeren gebracht! Zittert, Königlichgesinnte, denn vielleicht morgen schon bricht Vas Volk seine Ketten'" — Ein anverer Artikel desselben Blattes lautet: „Montgaillard, ein ehrenwerther Lehrer, Socialist, der seit langer Zeit mit zwei Weibern zugleich verhei- rathet war und zwei Haushaltungen hatte, Alles bloß aus Haß gegen die Kirchenlehre, daß man nur Eines Weibes Mann sein soll — der ist schändlicher Weise abgesetzt worden. Die Rothe (Blutrepublik) kommt, und die Kinder der Reaktionäre sollen erkennen, wie lang ein Tag ohne Brod ist." Sapienti sat!

L^crantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck von Fr. «vchccl in Kassel.