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zur Reuen HeUfchen Zeitung»
J£ 1O4 Sonntag den 1O März. WZO.
Die Irrlehre von der zunehmenden Verarmung.
Lrchteèerg sagt: „Diejenigen Sätze, über welche alle Welt einverstanden ist, verdienen oft am meisten, untersucht zu werden." Zu diesen Sätzen gehört die ebenso unbegründete, als oft gehörte und selten angefochtene Behauptung, daß in unserm Welttheil die Armuth der Massen immer mehr zunehme, daß die Kapitalien sich immer mehr in den Händen Einzelner ansammelten, und daß eine fortwährende Rekrutirung des Proletariats durch herabgekommene Mitglieder des Mittelstandes Statt finde. Einer spricht dem Andern diese Behauptung nach, ohne zu untersuchen, ob dieselbe irgendwie auf geschichtliche Belege gestützt wird und Manche sehen mit Grauen einer Zukunft entgegen, wo es in Europa neben einigen Tausenden steinreicher Besitzer nur noch eine elende Helotenbevölkerung geben wird. Nichts hört man häufiger, als die Klage, daß die freie Konkurrenz die kleinen Gewerb- treibenden vernichte und den großen Fabrikanten allein bereichere, daß der Mittelstand nicht mehr wie sonst in behaglicher Wohlhabenheit lebe, daß das Handwerk seinen güldenen Boden verloren habe, daß das herzlose Kapital allein noch die Welt beherrsche, daß gegen die Uebermacht der großen Geldbarone die minder Be- mittelten vergebens ankämpften und daß durch die beispiellose Ausbildung der Industrie eine Massenar- muth erzeugt werde, welche mit der Zeit die gesummte Gesellschaft zu verschlingen drohe. Wohldenkende Männer haben gewetteifert, dem vermeintlichen Uebel durch Gesetze, durch Bücher, durch Vereine entgegenzutreten, und ihre Bemühungen haben manchmal segensreiche Früchte getragen, obwohl sie von irrigen Voraussetzungen ausgingen: sie haben nur der Natur nachgeholfen, welche allein auch genügt haben würde, die Krankheit zu heilen, von welcher man den Tod der europäischen Gesellschaft befürchtete. Andere haben
Mittel vorgeschlagen, welche gerade Das herbeisühren würden, was man vermeiden will. Die schärfere Prüfung, die sorgfältige Vergleichung von Zahlen ergibt auf unwiderlegliche Weise, daß die ganze Behauptung von der zunehmenden Verarmung, von der Vermehrung des Proletariats w., wenigstens soweit sie von den arbeitsamen Völkern des mittleren, nördlichen und westlichen Europa's gelten soll, auf einem grasten Irrthum beruht ^welcher Theils daher rührt, daß die ökonomischen Verhältnisse der früheren Jahrhunderte, namentlich die Vage der arbeitenden Klassen in den gangbaren Geschichtswerken fast gar nicht besprochen wird, sondern erst aus einer Masse zerstreuter, zufälliger, schwer zu' verstehender Materialien auf dem Wege eigener Forschung abstrahirt werden muß, Theils daher, daß man aus einzelnen lokalen Erscheinungen, aus der sichtlichen Verarmung einzelner Provinzen und Städte auf eine entsprechende Verarmung des Ganzen schloß. Weil z. B. durch die Abnahme der Leinenindustrie in manchen Gegenden Deutschlands, wo man entweder durch Schlendrian oder durch Unrealität die Gunst der fremden Märkte verscherzte, einzelne Klassen der Bevölkerung in Elend und Hungersnoth gebiethen , glaubte man annehmen zu dürfen, daß die Noth in Deutschland überhaupt zunehme und man vergaß, daß in früheren Jahrhunderten die Massenarmuth, der Pauperismus, den man für ein Kind unseres Jahrhunderts aüSschrie, weit ausgedehnter weit schreckenerregender ausgetreten ist, als selbst in "den Dörfern der schlesischen Wtber^). Einzelne Städte haben durch den Umschwung des Welthandels ihren alten Reichthum eingebüßt, wie in einem blühenden Emporium ein Kaufmann durch die Ungunst der Verhältnisse seinen Absatz verlieren kann, wenn ein neuer Artikel seine Waare verdrängt; aber es wäre ungereimt, den einen oder anderen Fall auf Rechnung einer
Uebrigens kamen schon im Jahr 1793, ehe man Maschi» nenleinen verfertigte, Hungerausstänbe in den schlesischen Ibcbcr« bezirken vor.