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zur Reuen HeMfchen Zeitung»
J£ 8. Sonntag den 2^t. Februar. 1S5O>
Die Sekte der Mormonen.
(Schluß.)
Den Einwohnern von Neu-Salem schien die Sache so wichtig, daß sie alsbald einen Deputirten an die Frau des bereits verstorbenen Spaulding abschicktcn mit dem Ersuchen, daß ihnen das besagte Manuskript zur Einsicht gegeben werde. Und so ergab es sich denn, daß der ganze historische Inhalt des Buchs des Mormon aus jenem Roman bestand. Hinzugefügt waren nur religiöse Stellen mit eingeflickten Bibelsprüchen.
Die goldenen Platten, mit denen Joe Smith ein gefährliches Spiel getrieben, waren bald nach der Hinzukunft jener schlauern Menschen, Cowdery und Rigdon, im Walde verschwunden. Daß sie vorhanden gewesen waren, bezeugen in einem Anhang des Buchs des Mormon drei Männer, nachher noch neun. Unter jenen dreien steht auch der betrogene Harris, der auch der Verleger des Buches ward und jetzt Alles, was er that, selbst die Herabsetzung des Preises des Buches auf ausdrückliche Offenbarung gründete. Sein Geisteszustand , wie der mancher anderer Anhänger von Smith, war ein von dem gewöhnlichen Empfinden und Denken ganz verschiedener geworden und wir erblicken in ihm und seines Gleichen ein treffendes Bild unserer s. g. gläubigen Eregeten, die sich aus purem Buß- und Glaubenseifer den Buchstaben der Schrift wie Beinschrauben ansetzen und darin mit ihrem gesunden Menschenverstand auf das Jämmerlichste seufzen, während sie mit wissenschaftlich scheinender Dialektik sich unter Andern einreden wollen, daß sie Nichts drücke und schmerze. Ein Bekannter fragte ihn z. B.: „Sahn Sie diese Platten?" Harris erwiderte ganz treuherzig, er habe sie gesehen. „Sahn Sie die Platten und die Eingrabungen darauf mit Ihren leiblichen Augen?" Harris: „Ja, ich sah sie mit meinen Augen — und sie wurden mir gezeigt durch die Macht
Gottes und nicht der Menschen." „Aber sah'n Sie sie denn mit Ihren natürlichen, Ihren leiblichen Augen, gerade wie Sie dieses Bleistiftfutteral in meiner Hand sehen? Antworten Sie mir mit Ja oder Nein?" Harris antwortete: „Ei, ich sah sie nicht, wie ich dieses Bleistiftfutteral sehe, aber ich sah sie mit dem Auge — des Glaubens; ich sah sie eben so genau, als irgend Etwas um mich her, — obgleich sie damals mit einem Tuche bedeckt waren."
Trotz mannichfacher Verspottungen und offener Darlegungen des schamlosen Betrugs wuchs die Zahl der Mormoniten; fest an einander geknüpft bauten sie in Ohio ihr Zion mit hochfahrenden Plänen. In Kirtland daselbst hatten sie eine steinerne Kirche von ungewöhnlicher Bauart. Auf jeder der vier Seiten waren vier Kanzeln über einander errichtet, für die verschiedenen Grade der Geistlichen nach ihrem Range bestimmt. Doch bald nachher kauften sich mehrere ihrer Anführer in einer sehr fruchtbaren Gegend von Missouri an und hier ward der Zudrang zur Sekte und das Selbstgefühl derselben schon ein wichtiger Gegenstand der Beachtung für die Regierung. Ihre religiöse Association nahm durch das Element der Theokratie auch einen politischen Charakter an. Zusammengehalten durch eine wohlgeordnete Hierarchie, bestehend aus Hohenpriester, Aeltesten, Bischöfen und Diakonen, blind gehorchend den Offenbarungen, die ihre Führer von Gott erhielten, bildeten sie in einem Staate, wo Alles auf die Stimmenmehrheit ankommt, eine gefährliche Macht, eine Macht, gegen welche |td) bald alle Parteien als gegen den gemeinsamen Feind vereinigen mußten. Man machte den Mormonen den Vorschlag, man wollte ihnen ihre Güter theuer abkaufen, wenn sie sich anheischig machten, abzuziehen; die Mormonen machten denselben Vorschlag ihren Gegnern — Zeichen genug, daß sie die Kraft in sich fühlten, bald des Staates Herren zu werden. Auf die mancherlei Beschwerden über die Mormonen indessen, die bei dem Statthalter Dan-Dunklin einge-