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Unterhaltnngsblatt

zur Reum Hessischen Zeitung.

Sonntag -en IT Februar.

18SO

Pie Sekte -er Mormonen.

Vor einiger Zeit wurde, wie anderwärts, so auch in Ihren Blättern der Sekte der Mormonen Erwäh­nung gethan, als einer wunderlichen Genossenschaft, die sich im fernsten Westen Nordamerika's angesiedelt hätten und eben jetzt auch den Kongreß zu Washing­ton beschickten. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß die meisten Ihrer Leser in völliger Un- kenntniß über diese Sekte sind. Ich erlaube mir da­her, einige Mittheilungen zu machen, wozu ich außer den in Röhr's Prediger-Magazin B. XVI enthaltenen Nachrichten durch unmittelbar aus Nord-Amerika mir zugegangene Literalien in Stand gesetzt bin.

Rinteln, im Januar 1850.

Ed. Aug. Brauns.

* * *

Der Mormonismus ist ursprünglich das Ge­mächte eines schamlosen Betrugs, der uns lächerlich, wie irgend einer erscheint, der doch aber seine ernste Seite in seinen Wirkungen, nämlich in der über 60,000 betragenden Anzahl seiner Bekenner hat. Seine Ent­stehung und weitere Geschichte wirft auf die Zustände in den nord amerikanischen Staaten, die je mehr und mehr die gespannteste, ja lernbegierigste Aufmerksam­keit der Europäer mit Recht in Anspruch nehmen, ein seltenes Licht. Unter den dortigen 43 christlichen Re­ligionsgemeinschaften ist der Mormonismus die jüngste; kaum eine andere hat so reißende Fortschritte bald nach ihrer Entstehung gemacht und keine unter allen ist Veranlassung zu politischen Maßregeln gewesen, als diese. In wie strenger Form auch in fast allen Kirchen die Orthodoxie besteht, wie tobend, ja zum Theil wahnsinnig der Fanatismus sich auch geberdet und mit Bannflüchen und Verdammungen um sich wirft; in foro ist das Volk eine Gemeinde. Im Kapitol zu Washington braucht der Deputirte nicht einmal einen Taufschein vorzuzeigen. Aber die Sekte

der Mormonen hat man zu den Indianern verjagt, ihre Wohnungen verbrannt, ihre Führer sind offen gemordet worden.

Wenden wir nun zuvörderst unsern Blick auf die Entstehung dieser Sekte.

Ihr Stifter ist Joseph (Joe) Smith, geb. im Staate New-Iork von unbemittelten und ungebildeten Eltern im Jahr 1805. Er genoß eine sehr dürftige Bildung, zeigte aber früh regsame Phantasie und ge­wann im Umgang mit Menschen der verschiedenartig­sten Gattung große Verschlagenheit und Geschicktheit, mit Menschen zu unterhandeln und sie seinen Zwecken dienlich zu machen. Seine Familie mit einigen Ge­nossen führte ein herumschweifendes Leben, dessen Zweck sei's angeblich oder wirklich Schatzgrä­berei war, nicht zwar in dem Sinne, in welchem wir es verstehen, sondern ein Suchen nach edeln Metallen, das in den unangebauten Gegenden Nordamerika's nichts so ganz Seltenes ist. Der Knabe Joseph spielte hierbei eine nicht unbedeutende Rolle: sein Vater schrieb ihm ein zweites Gesicht (second sight) zu, wodurch er befähigt sei, die in der Erde befindlichen edlen Schätze zu schauen, und Joseph pflegte, in einen vor das Gesicht gehaltenen Hut blickend, der Bande Führer zu sein.

Dieses betrügerische Treiben, von dessen reellen Vortheilen, beziehungsweise Erfolgen übrigens keine sicheren Nachrichten vorhanden sind, bezeichnet schon sehr bestimmt die Art und Weise des ferneren, mit so eklatanten Wirkungen verknüpften Betrugs. Ich glaube indessen nicht behaupten zu dürfen, daß Smith, so wie viele ähnliche Erscheinungen in der Geschichte der Verirrungen der Menschheit, sich seines Betruges so ganz bewußt war. Ein großartiger Betrug, eine Lüge, welche die eigene Persönlichkeit zu ihrem Gegen­stände hat, geht bei Menschen, deren Phantasie lebhaft und deren Verstand nicht gründlich ausgebildet ist, nie ohne Selbsttäuschung ab; neben den Märtyrern der Wahrheit gibt es auch Märtyrer der Lüge.