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Unterhaltungsblatt

zur Remu HeMWey Zeitung.

J^ 6» Sonntag den IO Februar. ß8SO.

Die freie Preise und der deutsche Philister.

(Aus den historisch politischen Blättern Band XXIV Heft 1.)

(Schluß.)

Hinsichtlich des Hetzblattes und der ganzen Schand­presse findet diese Feinschmeckerei und Splitterrichterei, hinter der sich im Grunde Nichts als elende Charak­terlosigkeit und Feigheit birgt, keines Wegs Statt. Da läßt man sich Alles ruhig gefallen; man liest es schwei­gend hinunter, als ob es so sein müßte und nicht an­ders sein könnte. Und während man gegen die Per­sönlichkeit des Redakteurs eines guten Blattes und sein vergangenenes Leben von der rigorosesten Strenge ist, wahrend man es fort und fort in Erinnerung bringt, wenn er selbst vor Jahren eine Sünde jugend­lichen Leichtsinns begangen, oder sein Vetter bankerott gemacht, oder seine Großmutter entführt worden; so kömmt der Ruf der Leiter schlechter Blätter, und wä­ren sie notorisch die lüderlichsten Lumpen, gar nicht in Betracht; das sind ja Persönlichkeiten, die nicht zur Sache gehören; so denken dieWohlgesinnten" und schweigen, oder wagen wenigstens nicht, sich laut und offen darüber auszudrückenum des lieben Frie­dens Willen." Ja ich könnte Städte und Provinzen anführen, die sich Jahre lang Blätter gefallen ließen, und sie kauften und lasen, deren Redakteure und Mit­arbeiter die große Mehrzahl dieser Wohlgesinnten ver­achtete und deren Grundsätze sie als verkehrt, als ge­fährlich , ja als fluchwürdig verabscheuten; Tag für Tag ließen sie sich aber dennoch mit unerschöpflicher Langmuth von einem solchen Gistblatt anlügen; Alles was ihnen heilig und theuer war, ließen sic von ihm beschimpfen und verlästern, ja in Lachen oder Mitleid erregenden Guckkästen- und Eckensteherbildern verhöh­nen; Zwietracht unter den verschiedenen Ständen aus­säen; ihre Jugend zum Unglauben, zum Ungehor­sam, zur Unsittlichkeit verführen; das Gesindel zu kom­munistischen Tendenzen, vielleicht gar zu Raub und

Mord aufstacheln, kurz, sich den Boden unter den Füßen weggraben und die Brandfackel in ihr Haus und in ihr Gemeinwesen schleudern. Und was thaten sie? Man seufzete, man jammerte, man schimpfte, man berieth sich. Kam aber das neue Jahr, so abonnirte man sich dennoch wieder und es blieb so ziemlich beim Alten. Handelt es sich um die Grün­dung eines besseren Blattes, so will Niemand die Kosten dazu hergeben ; Niemand die Mühe des Heraus­gebers übernehmen; Niemand den Herausgeber als regelmäßigen Mitarbeiter unterstützen. Kommt aber doch endlich mit Mühe und Noth ein gutes konserva­tives Blatt zu Stande, so bleiben doch viele der Wohlgesinnten bei dem alten schlechten Blatt, denn sie wollen erst sehen, ob das neue Blatt sich auch hält, d. h. mit anderen Worten, sie wollen sich erst abonni- ren, wenn dasselbe bereits so viele Abonnenten ge­wonnen hat, daß es ihrer nicht mehr bedarf. Dann hat ja auch das schlechte Blatt noch die meisten In­serate; es bringt den Stadl- und Lanvklatsch und unterhält durch seine neuen Ideen, seine boshaf­ten Verläumdungen und seine schamlose Frechheit. So hat der Redakteur des guten Blattes an die­sem keinen Abonnenten und keinen Mitarbeiter; aber, der Unparteilichkeit wegen einen um so strengeren Kritiker und rücksichtsloseren Verdammer, und das Blatt schleppt sich, wenn ihm nicht eine besondere Fügung zur Hülfe kommt, zwischen Leben und Ster­ben kümmerlich durch. Daß dieser Mangel an Auf­opferung, diese Selbstentwürdigung, diese feige Cha­rakterlosigkeit der großen Masse der Wohlgesinnten oder Halben, ihnen die Achtung der Gegner nicht ge­winnen kann, versteht sich von selbst. Ja vielmehr halten diese, wenn ihrer auch nur Wenige sind, in ihrer Verachtung solcher rath- uno thatlosen Mehrheit das Unausführbarste, das scheinbar Unmöglichste, ja Wahnsinnigste für ausführbar und führen es zum Er­staunen Aller und zur eigenen Ueberraschung schneller, als sie es selbst geglaubt hätten, auch wirklich aus.