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lich. Der Mann scheint ihnen ein Fanatiker, ein Jesuit, ein Ultramontaner, ein Serviler rc. und sie sprechen: „Wir müssen das Blatt abschaffen, es dient doch nur dazu, die Gegner zu erbittern und die Aufregung, die ohnehin schon so groß ist, zu vermehren." Es sieht, so heißt es ferner, doch gar zu schwarz, Persönlichkeiten sollte es gar nicht aufnehmen. Kurz, es ist in ihren Augen nichts anders, als eben auch ein Klatsch- und Hetzblatt, das mehr Schaden anrichtet, als Nutzen stiftet: Blatt und Redakteur werden also verläugnet. Sie schaffen es ab, ja sie lesen es nicht einmal auf dem Bürgerverein oder Kasino, damit ja Niemand glauben könnte, sie seien der gleichen Gesinnung. Und widerfährt dem unglücklichen Redakteur etwas Menschliches, läßt er sich in dem täglichen Kampfe mit der Maßlosigkeit gewissenloser Gegner, die keine Mittel scheuen, in der Hitze des Augenblicks und eines nur zu gerechten Zornes, zu dem einen oder dem andern unbesonnenen Worte verleiten, oder hat er zu voreilig einer ihm gemachten Mittheilung Glauben geschenkt, die er, sobald er die Wahrheit erfahren, widerruft: dann geben die Wohlgesinnten vielleicht gar in einer öffentlichen Erklärung ihren Abscheu vor diesem jesuitischen „Lügenblatt" dem Publikum kund, um sich ja die Hände von aller Theilnahme mit dem Vervehmten rein zu waschen und als freisinnig und unparteiisch zu erscheinen.
(Schluß folgt.)
Vermischtes.
Der Steamer „Empire Citsi" hat 327,000 L. Goldstaub als Postgut überbracht, über 3,700,000 L. sollen die 277 Passagiere mitgebracht haben, welche sich an Bord befanden. Man schüttelt hier einigermaßen den Kopf, wenn man die Zahl dieser Passagiere überzählt und berechnet, wieviel Dollars von der gestimmten Fracht auf jeden derselben kommen. In San Fran- kisko wiederholen sich bereits die socialen Bewegungen ältere* Staaten: die Zimmerleute haben dort Schicht gemacht, weil sie einen Lohn von 16 L. verlangen und die Bauunternehmer ihnen nur 12 L. bewilligen wollen. Man fürchtet in Kalifornien eine Hungersnoth und Lebensmittel hatten nach den letzten Nachrichten aus- schwifende Preise, vielleicht ist aber die Besorgniß übertrieben und von den Spekulanten angeregt worden. Von
den Ueberlandpilgern nach Kalifornien sind neuerdings 32 von Indianern ermordet worden.Ein Privatbrief aus Kalifornien, den ich gesehen habe, sagt: „Ein Pilot von San Fracisko nach den Goldminen wurde von uns mit 500 L. bezahlt. Ich erhole mich eben von einem Sumpffieber; Arznei 6 L. die Flasche; Honorar für den Arzt unglaublich hoch. Die Arbeit und die Strapatzen in den Minen unbeschreiblich; drei von fünfen werden krank dabei. Eine glückliche Bande hat 60 8. per Mann täglich gemacht. Ich verkaufe 35 Fuß dünne Planken für 21 L. Ein Paar Küchlein ist 5 L. werth , ein Pfund Kartoffeln 377z & Ich rathe meinen Freunden, nicht dieß Wagniß zu unternehmen. Geld und Krankheit in jeder Gestalt ist hier in Ueberfluß. Spielhöllen sind in San Francisko mehr, als Fische im Missisippi und alle haben ihren besondern Köder. In der einen sitzt eine schöne Chi- lenerin, mit Juwelen bedeckt, welche ihre Unzen hinwirft, als wären es Messingknöpfe; in der andern spielt ein Musikkorps Hail Kolumbia; in der dritten bieten hübsche Mädchen gin coktails und brandy smashers feil; in einer vierten findet man neben Würfeln und Karten Taschenspieler, Affen, äthiopische Sänger, italienische Geiger. Das ist Leben in Kalifornien. In den Minen selbst sterben die Menschen bei Hunderten und nur einzelne sind es, welche mehr verdienen, als sie verzehren."
Wir haben schon häufig darauf aufmerksam gemacht und schlagende Beweise geliefert, zu welcher Lockerung der guten Sitten das Klubwesen führt. Wir tragen hierzu das Faktum nach, daß die Frau eines berliner Geschäftsmannes, Mutter von 10 Kindern, durch die begeisterten Reden eines Herrn E. in den von ihr, mit arger Vernachlässigung ihrer Wirthschaft fortwährend besuchten Volksvereinen so aufgeregt worden ist, daß sie mit ihrem einfältigen Mann (wie sie sich ausdrückt) nicht mehr zu leben vermag. Auf Grund einer Physikats - Untersuchung ist sie kürzlich einstweilen der Jrrenheilanstalt der Charite übergeben worden und sollen dergleichen Fälle seit dem März 1848 bereits sehr viele vorgekommen sein. Jener Philosoph hat also doch wohl wahr gesprochen, wenn er sagt: „Viele Männer würden sich bedanken, eine Charlotte Corday zu heirathen; viele Frauen aber würden einem Brutus ohne Bedenken die Hand reichen."
(N. Pr. Ztg.)
Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck von Fr. Scheel in Kassel.