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Unterhaltungsblatt

zur Neuem Hessischen Zeitung.

M â. Sonntag den 27. Januar. 1S5O*

Ein Dries von Iulius /röbel.

(Schluß.)

Einige Stunden nach jenem ersten Augenblicke trat ch in die Thür von Shakespeares Hotel, einer Haupt­cinkehr deutscher Einwanderer, und in einer Minute war ich von Menschen umringt und begrüßt, mit de­nen ich in Berlin und Wien, in Frankfurt und Stutt­gart , in Kaiserslautern und Karlsruhe die Arbeit und die Gefahren der gleichen Sache getheilt; und wie ich dastand, öffnete sich von Neuem die Thür und neue Ankömmlinge aus Europa traten ein, nicht min­der überrascht als ich. An der Mittagstafel saßen mehr als hundert Personen, ohne Ausnahme deutsche Republikaner, mit ihren Eltern, ihren Schwestern, ihren Frauen und ihren Kindern. Die Meisten von diesen sind nun ins Innere zerstreut und hier durch neue Ankömmlinge ersetzt, und kein Zweifel, daß sich für Alle ein gutes Unterkommen findet. Für das Be­dürfniß menschlicher Kräfte ist dieses Land ein Ab­grund, der nicht auszufüllen ist. Ein einziges Schiff brachte kürzlich sieben deutsche Aerzte herüber, und man muß bedenken, daß täglich Schiffe ankommen. Für den Augenblick mag sich auf diese Weise hier, wo die ganze europäische Emigration landet, irgend ein Beruf überfüllen, bis durch den Abfluß des Stro­mes nach dem Innern des Landes, welcher ununter­brochen vor sich geht, das Gleichgewicht sich wieder hergestellt hat. Aber Newyork selbst ist in solchem Wachsthume begriffen, daß es eine Menge von Men­schen jedes Berufs zu seiner eigenen Vergrößerung gebraucht. Mit Brocklyn und Williamsburg mag die Stadt jetzt 700,000 Einwohner haben und in weni­gen Jahren wird diese Zahl auf eine volle Million gestiegen sein. Ich kenne alle unsere deutschen grö­ßeren Städte, ich kenne Paris und habe erst kürz­lich London und Liverpool gesehen, aber alle Ein­drücke menschlicher Thätigkeit in der alten Welt wer­

den durch Das, was hier vor sich geht, übertroffen. Vor Allem ist es die Kühnheit des praktischen Lebens, welche hier frappirt, ein Geist, welchem Nichts un­möglich erscheint und welcher mit der naivsten Unbe­fangenheit an die Ausführung der schwierigsten Dinge geht. Es ist der Mangel der Tradition, die Freiheit von Voraussetzungen, in welcher die Kraft dieses Gei­stes beruht. Und nicht nur in der Sphäre des prak­tisch-materiellen Lebens zeigen sich seine Wirkungen, auch in der Sphäre der Wissenschaft und Kunst macht er sich geltend, und gerade die gegenwärtigen Mängel der Erzeugnisse beider sind die Garantien künftiger Größe. Bei Allem, was man hier sieht, und am meisten im Gebiete des geistigen Lebens muß man das diesem Land Eigenthümliche, sei es auch nur in der Anwendung gegebener Elemente, in's Auge fassen, wenn man das Große finden will. Wo der Ameri­kaner nachahmt, ist er klein, wo er originell ist, ist er groß, und die Nachahmung des Europäischen nimmt täglich ab, die Originalität nimmt in gleichem Grade zu. Kein Zweifel, daß sich die amerikanische Gesell­schaft ganz neuen eigenthümlichen Formen nähert, die jetzt noch kaum geahnt werden können. Und diese Formen werden ebenso wohl neue Kunststyle wie neue Maßstäbe der sittlichen Verhältnisse in sich begreifen. Für Beides erkennt der feinere Beobachter Anfänge, die ihm reichen Stoff zum Denken geben. Und in diesen geistigen Beziehungen sind wir in Europa über die hiesigen Zustände am meisten in Unwissenheit oder Irrthum begriffen. Wir glauben z. B., es fehle den Amerikanern an Sinn für die Kunst, aber es fehlt ihm nur an der Ausbildung dieses Sinnes, d. h. er ist am Anfänge, nicht am Ende der ästhetischen Kul­tur. Der Sinn für Musik, so schlecht man sie hört, ist sehr allgemein. Es fehlt nicht an Liedern von ein­heimischem Tert und einheimischer Melodie, die man überall brummen und pfeifen hört. Der Sinn für bildende Kunst fehlt ebenso wenig. Nirgend vielleicht in einer modernen Stadt sind antike Baustile so po-