Unter h alt nngsblatt
zur MALN Hessischen Zeitung»
M 2. Sonntag den i^K Januar. BS5O»
Wie Weissagung des Herrn v. Lehnin über die Geschicke der Mark Brandenburg und des Hauses Hohenzollern.
In unsern Tagen, wo die Geister ungewöhnlich, ja außerordentlich erregt waren, wo Preußens Stellung zu Deutschland aller Augen dorthin richtete, wo endlich alte Gelüste und neue Ränke sich geltend machten, und Katholicismus, durch Proselyten und Proselytenmacher vertreten, mit Preußenhaß im Bunde agitirten, war cs nicht zu verwundern, daß die Weissagung des Mönchs von Lehnin, wie ihn die Ueberschrift derselben nennt, größeres Aufsehen machen mußte als jemals, seit sie bekannt wurde. Der Bernstcinherenmeister Meinhold ist nicht der einzige unter Denen, die auf Bildung Anspruch machen und solche haben, der an eine Inspiration glaubte. Die Menge der Ausgaben (sie erschienen, was bedeutungsvoll, meist in katholischen Städten, wo die Liebe zu Preußen keine Wurzeln trieb), die besonders ins Volk drangen, ist außerordentlich. Die dunkle Rede des prophetischen Mönchs deutete sich Jeder nach seiner „Facon" und Fassung, und auch das große Verbrechen , das unsühnbare, Israels, von dem die Weissagung redet, sollte durch die Vertreibung des Papstes aus Rom seine sonnenklare Erfüllung haben. Es war Zeit, daß eine gesunde und nüchterne, historische Kritik sich die Mühe tüchtiger, tief eingehender Studien nicht verdrießen ließ, um in dem trüben Gebräu bis auf den Boden zu sehen, und ihre Resultate Jedem zugänglich zu machen, der ein Interesse an der Sache nimmt.
Schon Giesebrecht hat das Seine gethan, allein noch blieb eben Vieles zu errathen und Vieles paßte nicht genau, besonders in Rücksicht auf den von ihm vermutheten ächten Verfasser der Weissagung; denn daß jener Bruder Hermann von Lehnin nur eine Maske
sei, das war außer Zweifel, seit gewisse Historiker sich in Forschungen einließen, die diesem Produkt einer schlauen Berechnung galten. Einer unserer schätzbarsten Historiker, der Professor Dr. I. C. L. Gieseler in Göttingen, hat eine kleine Schrift erscheinen lassen, die mit möglichster Evidenz die Entstehung und selbst den Verfasser nachweist und die dunkeln Gänge schlauer Betrügerei mit der Fackel der Wahrheit verfolgt, bis er ihren Ausgangspunkt gefunden. Hier darauf aufmerksam zu machen und ihren reichen Inhalt in der Kürze darzulegen, dürfte manchem, dem die Schrift nicht zugänglich ist, zu Danke geschehen. Sie führt den Titel: „Die Lehnin'sche Weissagung gegen das Haus Hohenzollern, als ein Gedicht des Abtes von Huysburg, Nikolaus von Zitzwitz, aus dem Jahr 1692 nachgewiesen, erklärt und in Hinsicht auf Veranlassung und Zweck beleuchtet von Dr. I. C. L. Gieseler. Erfurt bei Karl Villaret."
Der Verfasser gibt zuerst die vollständige lateinische Urschrift nach der sichersten Angabe, dann eine treue deutsche (Übersetzung mit den historischen Nachweisungen bis zu dem Jahr 1692 oder bis zu Friedrich IIL, dem nachmaligen König Friedrich I., bis wohin die historischen Anklänge sich nachweisen lassen. Der Weissager weiß aber Nichts von einem König von Preußen, was für die Zeit der Abfassung sehr bezeichnend ist. Von da an treten historisch sein sollende Phantasien an die Stelle der bestimmten historischen Andeutungen und der Grimm über die Einwanderung der reformirten Schweizer spricht sich sehr bezeichnend aus, sowie die Hoffnung, daß das Land wieder dem Katholicismus sich zuwenden werde. Bedeutend ist die Angabe, daß nach Joachim I-, auf den Vers 45 — 50 hindeuten, noch elf protestantische Regenten folgen sollen. Dieß elfte Glied in der Reihe ist nun in der Wirklichkeit Friedrich Wilhelm III.; renn genau verfolgt hört mit ihm die Prophezeiung auf, und Friedrich Wilhelm IV. ist oder wäre schon über ihre