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Alltags mußten die Leute Werkzeuge und tragbare Reise-Apparate für die im Frühjahr zu veranstaltenden Ueberlandtouren unfertigen; andere holten auf Schlit­ten Kies vom Lande und streuten ihn über das Eis hin, damit er im Frühjahre, die Sonnenstrahlen ein­saugend, das Mürbewerden des Eises befördere und das Zersägen desselben erleichtere. Im Spätwinter sing man an, einen Kanal durchs Eis zu sägen, 50 Fuß breit und 13,000 Fuß lang. Durch diese Arbei­ten wurden die Leute einigermaßen akklimatisirt und für die Entbehrungen auf den späteren Landreisen ab­gehärtet. Rings um Leopolds-Hafen sah man nichts als Schnee und nackte Felsen bis zu 1100 F. Höhe; Eisberge sah man sehr wenige.

Von April an begannen die Exkursionen über Land. Streifpartien von 7, 10, 20 Mann wurden von Zeit zu Zeit ausgesandt und weit und breit ward die Küste durchforscht. Die Haupterkursion unternahm Sir Ja­mes Roß selbst am 15. Mai mit einem Lieutenant und 12 Matrosen. Natürlich ging die Expedition zu Fuße; sie nahm Rum, Brot, Fleisch, Konserven und eigene Schlafapparate mit. Ein solcher Apparat be­stand zuunterst aus einem Theertuche, welches hinderte, daß unter dem Schlafenden der Schnee nicht aufthaue, und drüber aus einem förmlichen Gehäuse von Pelzen. Die Expedition reiste die Küste entlang westwärts, etwa 50 geogr. Meilen; die Erschöpfung der Leute und die Abnahme der Provisionen zwangen dann Sir James widerstrebend umzukehren. Auf 8 Meilen weit sah er noch, die Küste voll ungeheurer Eisblöcke, welche es unmöglich erscheinen ließen, daß hieher Schiffe ge­kommen sein konnten. Ein uraltes Hirschgeweih und eine zerfallene Eskimo-Hütte fand man an diesem un- wirthlichen Gestade. Unterwegs schoß man einige Schneehühner und Enten. Eines Tages ward die Gesellschaft von einem ungeheuren Bären angegriffen. Das riesige Thier schritt keck auf sie zu, alle Flinten wurden auf ihn angelegt, aber alle bis auf eine ver­sagten. Die eine Kugel traf, aber der alte Herr schien sich nicht viel daraus zu machen; er kratzte sich bloß den Kopf, machte Linksum und schritt verächtlich von dannen. Ein andermal waren die Reisenden Zeugen einer sehr bequemen Fortbewegungsmethode. Auf einem 700 Fuß hohen Eisberge saß ein Bär, welcher, auf seine Schinken sich niederkauernd und dann mit den Vordertatzen sehr umsichtig sich steuernd, mit rapidester Geschwindigkeit zu Thale fuhr. Sir James kam nach 40tägiger Abwesenheit, fast ohne Proviant, wieder bei

den Schiffen an, wo er beinahe schon verloren gege­ben wurde. Man empfing ihn und seine Gefährten mit lautem Jubel.

Im Juni begann man mit dem Aufeisen, aber erst am 20. August erreichten die Schiffe mit unsäg­licher Mühe freies Fahrwasser. Sie segelten nun nord­wärts auf Melville-Eiland zu, am 1. Sept, aber fan­den sie sich plötzlich bei stürmischem Nordwinde ganz von Treibeis eingeschlossen und trieben nun vollkom­men hülflos, in steter Gefahr, 24 Tage lang zwischen den Schollen. Endlich am 25. Sept, gelang es ih­nen aus dem Eise loszukommen und die beiden Schiffe begrüßten sich mit lautem Hurrah, als sie dem nahen Untergange so glücklich entronnen waren. Von nun an segelten sie südwärts und gelangten ohne Unfall am 3. Novbr. nach England.

Das Resultat der außerordentlichen Anstrengungen, durch welche diese denkwürdige Expedition möglich ge­macht würde, hat freilich den Hoffnungen nicht ent­sprochen, mit welchen Sir James Roß von England absegeltc. Man hat von der verschollenen Expedition Franklin's keine Spur gefunden; allein ganz ohne Er­gebniß ist das gefahrvolle und preiswürdige Unterneh­men darum doch nicht geblieben. Ein Mal hat es die Gewißheit geliefert, daß an der Ostseite des Polar­meeres, welche Roß auf das genaueste durchforscht hat, bis jetzt von Franklin noch kein Versuch zur Rück­kehr gemacht worden ist eine Gewißheit, welche zu der Hoffnung berechtigt, daß der kühne Seefahrer noch irgendwo westlich von der bezeichneten Region mit seinen Schiffen sich befindet. Unb dann ist wenigstens die beruhigende Ueberzeugung gewonnen, daß Alles, was in Menschenkräften steht, aufgeboten worden ist, um ihm die Rückkehr auch an der Ostseite der arktischen Gewässer zu erleichtern. Eine Unzahl von Buchten und Vorgebirgen der unwirthbaren Küste ist von Sir Ja­mes Roß und seinen Leuten besucht worden, und an allen diesen Punkten sind bedeutende Magazine von Kohlen und Lebensmitteln zurückgelassen worden. In Port Leopold hat Sir James sogar ein vollständiges hölzernes Haus aufrichten lassen, dasselbe mit Provi­ant und Kohlen auf 1 Jahr angefüllt und daneben die mit einer Dampfmaschine ausgerüstete Schaluppe seines Schiffes zurückgelassen, welche groß genug ist, um Franklins gestimmte Mannschaft nach den nächsten bewohnten Häfen zu bringen.