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zur Reum Hessischen Zeitung»
^ s. Sonntag den K. Januar. 1S&O*
Derlin im Sommer 1849.
Berlin ist eine Weltstadt geworden, wie London und Paris; man kennt seinen Nachbar nicht mehr und das Getöse in ken Straßen dauert Tag und Nacht. Sonst kannte man alle Leute in der großen Mittelstadt, um zehn Uhr war Todtcnstille in den Straßen und Sonntags Mittags gingen die Einwohner ehr- barlich unter den Linden spatzieren. Jetzt stehen alle Straßen und Plätze voller Droschken, um die ungeheure Stadt mit 400,000 Einwohnern bewältigen zu können. Man steht hier im Mittelpunkte, eigentlich im Krater der neuen Weltgestaltung, Politik ist das herrschende Interesse. — Die Reaktionäre sind unstreitig die stärkste Partei. Zu ihnen gehört der Militärstand, der männliche und der weibliche Treubund und der Schriftsteller A. v. Sternberg, der die Erscheinungen des Tages in seinen Romanen widerspiegelt. Der männliche Treubund, der zu Reda und Gesang in einem Hotel zusammenkommt, ist sehr zahlreich und besteht aus allen Ständen. Die darin auftretenden Redner suchen die Bestrebungen der Revolutionäre lächerlich zu machen. Die Statuten des Bundes sind ehrenwerth, aber der Enthusiasmus wendet sich mehr dem Prinzen von Preußen, als dem Könige zu. Der weibliche Treubunk hält auch Reden und man kann seinen Versammlungen gegen Entree beiwohnen. — Wer längere Zeit in Berlin verweilt, kann es sich nicht verhehlen, daß die Märzrevolution gar nicht aus den Elementen der Hauptstadt hervorging, sondern von Außen herkam. — In den Theatern werden bei lebhaftem Volksjubel vaterländische Stücke gegeben, und in dem Stücke von Kalisch „Berlin bei Nacht" wird die Revolution vollständig persiflirt. Der Friedrichshain ist wenig besucht, es ist ein öder Sandhügel, sparsam mit Bäumen bepflanzt, voller Kreuze und Denkmäler. Fast lauter junge Leute aus dem Gesellen- und Arbeiterstande, Opfer
der Verführung, liegen hier begraben; ihre Angehörigen schmücken die Gräber mit Blumen. — Nicht weit von dem Friedrichshaine, diesem bemerkenswer- then Punkte der Weltgeschichte, steht Die Büste Friedrich des Großen, des noch immer vom Volke enthusiastisch geehrten alten Fritz.
Der Beamtenstand ist größten Theils konstitutionell, wie auch die beiven Kammern. Wer unparteiisch ist, muß ihr endliches Bestreben um den Fortschritt erkennen, so wie das des Königs.
In dieser prosaisch-politischen Zeit ist unerwartet ein poetisches Genie in Berlin aufgetreten. Scheren- berg, der Verfasser des Gedichtes „Waterloo", arbeitet an einem neuen großen Gedichte „die Hölle". Seine großartige Phantasie ist zu solcher Schöpfung befähigt. Er lebt entfernt von allen höhern Lebenskreisen, wie Lorenz Kindlein, Kotzebue's armer Poet, und ist so uneigennützig und verschämt bei Beziehung seiner Buchhändlerhonorare, daß er bisjetzt dadurch noch seine Lage nicht verbessert hat. Er wohnt in einem kleinen Hause in dem prächtigen sogenannten Geheimeraths- viertel im Thiergarten, und kann keine vornehmen Besuche empfangen, so wenig, wie Jean Jaques Rousseau, den der Marschall von Luremburg in seiner Eremitage zwischen zerbrochenen Töpfen und schmutzigen Tellern überraschte. Der alte Meister Ludwig Tieck lebt auch noch in Berlin in großartigen Verhältnissen und gibt noch seine Vorlesungsabende. Er verkauft jetzt seine Bibliothek.
Die Kunst blüht jetzt mehr in Berlin, wie die Poesie. Das neue Museum mit den mythologisch- allegorischen Fresken Der Facade, mit dem Tempel von Cavoce, genau dem Originale in Aegypten nach- gebildet, mit den Gobbelins nach Raphael und den sechs großen allegorischen Bildern von Kaulbach, bietet Gelegenheit genug, aus dem wiikbewegten Leben in das heitere Gebiet der Kunst zu flüchten. Die Zerstörung Jerusalems, schon in München begonnen; der Thurmbau zu Babel, eine treffende Anspielung