Einzelbild herunterladen
 
  

207 —

»Auf unsere letzte Straße, meine Braven!»

Und enger schließt nm ihn sich die Ruine,

Ein goldner Sarg um eines Kaisers Leiche,

Gelebt mit ihm so ganz, will Treue jetzt

Ihr Götterrecht — Unsterblichkeit, mit ihm

Zu sterben .....

Auch die Franzosen feierten Waterloo in Gedich­ten , den Untergang ihrer Helden und Napoleons.

Mit zu vieler Freiheit hat allerdings der Dichter den Jambus gehandhabt, die oft an Hans Sachs in Nürnberg erinnert:

Der war ein Schuh-

— wacher und Poet dazu.

Sylbentrennungen wie folgende hätten sich leicht ändern lassen.

»Nm seinen Berg herum wand sich der kalte

Lindwurm des Heiligen Georg den un­

geschlachten Rücken wälzend in dem Sand.»

»Hoch über seinem weiten Friedhof un­

begrabener Leichen reitet auf weißem Roß."

Der Wechsel des Jambus mit Trochäen und Daktylen kommt auch zu häufig vor, indessen sind letztere einige Mal vortrefflich benutzt, um den wach­

senden Schrecken der Schlacht zu schildern:

Entgegen durch die eisernen Gassen schnaubend,

Zusammen schlägt die sausende Rciterschlacht,

Ein wirbelnder rasender Föhn. Antreten zwanzig

Mal Tausend ihren schwirren Schwertertanz.

Und schließen paarend sich, den furchtbaren Reigen;

Trompeten schmettern, Rüstern schnaufen den Chorus,

Die stählernen Lüfte sprühn, der Boden funkt,

Bvm trappelnden Tritt der Tanzplatz schwankt, und wenn

Die wirbelnden Paare sich fassen, lassen nicht loS

Sie wieder, halten sich fest, bis roth der Eine,

Der Andere blaß, herunter von Leib und Leben,

Als tanzte Tod und Teufel auf Mont Saint Jean

Den Bergtanz wieder mit hunderttausend Füßen.«

Dm Reim hat der Dichter nur in der Vorrede angewandt. Er würde trefflich gedient haben, die steigende Empfindung, so wie das sanfte Leben der Natur zwischen dem Schlachtgetöse zu schildern. Lord Byron bediente sich seiner stets zur Erhöhung des Zaubers seiner Gedichte.

Napoleon, Blücher, Wellington und andere Hel­

dengestalten jener Zeit treten mit richtiger Charakter­zeichnung auf. Der Kaiser ist, wie Miltons Satan, ohne daß der Dichter es wollte, der Held des Ge­dichtes , der die meiste Theilnahme erweckt. E.

Theater.

Bei dem bevorstehenden Jahreswechsel scheint es nicht unzweckmäßig, einige Blicke auf unser Theater zu werfen. Ein Kunstinstitut, wie ein Theater, kann niemals seinen Zweck vollständig erreichen, wenn es nicht eine gebildete, unparteiische, aber auch zugleich unumschränkte Kritik zur Seite hat, welche die Lei­stungen der Bühne eben so sehr dem Publikum ge­genüber erläutert und in Schutz nimmt, gleich wie sie die gerechten Forderungen des Publikums, gegenüber der Intendanz des Theaters, auszusprechen befugt ist. An eine solche, gleichsam authentische Kritik wird hier niemals gedacht, ja, man hält sie sogar für ganz überflüssig; dafür kommen aber auch mitunter am hie­sigen Theater Fehlgriffe vor, wie wohl selten an irgend einem andern. Um von vielen Beispielen nur eines der bedeutendsten anzuführen, erwähnen wir die un­glückliche Wahl der Opern insofern, als man solche cinstudirt, welche den vorhandenen Kräften durchaus nicht entsprechen. Es gibt wohl keine Bühne in der Welt, worauf man eine jede Oper würdig aufführen könnte, am wenigsten aber da, wo jedes Rollen-Fach nur ein Mal besetzt ist, wie hier. In jedem einzelnen Rollen-Fach gibt es wiederum Partien, welche nicht eine jede Sängerin dieses Fachs übernehmen kann, ohne sich und ihrer Rolle zu schaden. Nichts defto- weniger kommen hier Opern zur Aufführung, welche gleichsam mit Gewalt gegeben werden, wie z.B. Fer­dinand Cortez, Oberon, der schwarze Domino u. a. Fräul. Lieb hart ist eine so vortreffliche Koloratur­sängerin, wie wir sie nur jemals wünschen konnten; daß sich ihre Stimme aber nicht für eine Amazili in Cortez oder gar für den schwarzen Domino eignet, das wird Jeder sagen, welcher sie in diesen Partien