Unter Haltungsblatt
zur Neuen Hessischen Zeitung.
^. S2. Sonntag den ^O> December*. 1849»
Wann kommt die Nacht?
Wann kommt die Nacht? Ich harre schon so lange, Der laute Tag macht meinem Herzen bange, Es blendet mich der Sonne helle Pracht, Und matt bin ich von Seufzen und von Klagen:
O, gute Mutter kannst Du mir nicht sagen, Wann kommt die Nacht?
Mein Gott, mein Gott, der Tag hat viele Stunden,
Und jede Stunde schlägt mir neue Wunden, Und keine, keine süße Freude lacht.
Noch steht die Sonne hoch am Himmelsbogen, Noch frage ich mit Seufzern langgezogen: Wann kommt die Nacht?
O, thörigt Herz! wozu das dumpfe Brüten?
Kannst du nicht selbst den Stunden Halt gebieten, Nicht löschen deine Sonn' aus eigner Macht? Kannst du nicht selbst die Dunkelheit beschwören ?
Wie oft denn soll ich dich noch fragen hören: Wann kommt die Nacht?
kleine Gedanken von
Jacob C. C. Hoffmeister.
Kassel, 1850. Druck und Verlag von Friedrich Scheel-
In eleganter typographischer Ausstattung liegt die Neujahrsgabe eines jungen hessischen Autors vor uns, 724 kleine Gedanken, eine Art kleiner Katechismus der Philosophie des Lebens in Antworten ohne Fragen. Nachdem die großen Gedanken der Zeit nicht zur Verwirklichung gediehen sind, läßt man es sich wohl gefallen, kleine Gedanken sauber ausgeführt zu
sehen. Solche leicht und keck hingeworfene Sentenzen erscheinen, weil der Gesichtspunkt, von dem aus ihre innere Wahrheit einleuchtet, nur aus dem Zusammenhang der Gedankenkette, aus der sie ja als einzelne Glieder herausgerissen sind, erkennbar ist, häufig als einseitig und barock, üben aber dadurch beim Hange der Welt zum Widerspruch auf den Leser ebensowohl einen Reiz aus, als durch das Schlagende und Pikante ihres Gehalts und ihrer Form. So wird denn auch diese Gedankensammlung, die wie Käfer-, Mineralien- und Münzsammlungen neben allgemein Bekanntem und Verbreitetem manches seltenere Eremplar enthält, dem Leser beim Morgenpseischen oder der Leserin beim Strickzeug Stoff und Anregung zum Denken geben. Jeder wirv etwas für sich finden; Liebende im Satz 74: die höchste Süßigkeit der Liebe ist ihr Geständniß; Eifersüchtige im Satz 78: Es gibt keine wahre Liebe, ohne eine gewisse edle Eifersucht; junge Mädchen, die ein Geheimniß auf dem Herzen und ein Kränzchen haben, im Satz 233: Wer viele Leute zu seinen Vertrauten macht, hat gar keinen Vertrauten; Historiker im Satz 7: Die Geschichte ist ein in Stücke zerfallenes musivisches Gemälde der Vorzeit, welches nach den Ideen eines jeden einzelnen Geschichtsforschers verschieden wieder zusammengelegt wird; Finanzmänner und Steuerzahlenve im Satz 11; faule Künstler im Satz 31; Künstlerinnen im Satz 41; Eroberer und Militärmusikmeister im Satz 44: Wem nach Anhörung einer guten Musik nicht zu Muthe ist, als ob er die ganze Welt erobern könne, der sage ja nicht, daß er Gefühl für Musik habe; Verwandte im Satz 61; abma- gernde Personen im Satz 191: Der wahreMensch wird mit jedem Tage mehr Geist und weniger Körper, bis er zuletzt im Geist aufgeht; Uhrmacher im Satz 472: Es