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Unterhaltungsblatt

zur Reuen Hessischen Zeitung.

^ ÄS Sonntag den 23. December. 1S£9*

Eine Reise nach Kisstngen.

Es ist seltsam, daß zu dem Weltbade Kisstngen noch keine Eisenbahn führt; alle Gäste kommen im Postwagen an. In diesem Jahre konnte man es kein Weltbad nennen. Wenig Engländer und Franzosen, nur ein.Amerikaner, keine Russen, keine Polen waren dort, meist Leute aus kleinen baierischen Städten, einige aus Berlin und sehr viele aus Kassel, die es sich recht wohl sein ließen in dem schönen grünen Frankenlande, in dem hellschimmernden Saale, in den dichten laubreichen Wäldern. Die Gesellschaft bildete auch keine großstädtischen Kreise mehr, in welchen alles Neue und Ausgezeichnete schnell ausgenommen wird, sondern lauter kleinstädtische hermetisch gegen­einander abgeschlossene Zirkel. Zu den exclusives und hiaccessibles gehörte der Adel aus Hannover und Holstein, einen Gesellschaftskreis bildend, für den die übrige Welt nicht da war, wie vor dem Jahre 1848. Schöne Damen hatten vermöge ihres Ranges und Titels darin Aufnahme gefunden, die das Publi­kum streng beurtheilte. Man fühlte sich auf einmal in die Zeit Ludwig des Fünfzehnten zurück versetzt. Einige Koncerte, Nebelbilder, Schauspiel und eine wöchentliche Assemblee trugen nichts dazu bei, die Gesellschaft miteinander zu verbinden, eben so wenig die zahlreichen Landpartien nach Trimburg, Boden- laube, Claushof, Boklet. Einige junge Künstler mit vielem Selbstgefühl waren auch da. Der eine schrieb in das Fremdenbuch aus Der Trimburg einen Vers, der viel des ersteren bekundet, aber wenig Dichtervir­tuosität :

»Ich bin weder Prinz noch Graf, Aber der Erste in meinem Fach."

Das schöne Frankenland, reich an Korn und Wein, voller poetischer Sagen, die um seine Ruinen schweben, forderte überall zum friedlichen Genuß des Lebens auf. Man dachte der Vergangenheit, wo der Bauernkrieg durch diese Kornfelder getobt hatte, die damals das Wild zerstörte, das jetzt ein jeder Bauer tödten darf. Eine Romanze, die Geschichte der Bodenlaube besingend, wurde zum Besten der Armen verkauft. Ritter und Minnesänger wohnten im Mit­telalter in diesem idyllisch lieblichen Thäte, das ernster Erhabenheit fremd, nur sanfte Gefühle hervorzurufen bestimmt scheint.

Die Wohlfeilheit in Kissingen ist außerordentlich. Im Hotel Schlatter konnte man zu zehn Gulden wöchentlich alles, was zum Leben gehört, erhalten: Wohnung, Kost, Bedienung, alles aufs Beste. Meh­rere Hotels und viele kleinere Wohnungen standen ganz leer, der Spekulationsgeist hat die Einwohner zu weit geführt. Ragotzy und Pandur werden zwar durch ihre trefflichen Eigenschaften aufzulösen und zu erheitern immer Gäste anziehen, jedoch übersteigt die Hoffnung immer die Wirklichkeit. Schwerkranke, Ge­lähmte findet man hier so wenig wie in Pyrmont, nur eine kranke Engländerin geht durch die Alleen, erfüllt mit gesund und lebenslustig aussehenden Menschen.

Berthold Auerbach, der Verfasser der Dorfge­schichten, war diesen Sommer auch in Kisstngen, je­doch nur wenige Tage, auch David Strauß, der weltberühmte Verfasser des Lebens Jesu. Er sicht den Bildern sehr ähnlich, die man überall von ihm hat, ein regelmäßiges noch jugendliches Gesiicht mit den tiefen Zügen des Denkers. Sein geistvolles Auge von langen Wimpern beschattet, ist fast immer gesenkt. Er wandelt einsam durch die mit den Symbolen des