188 —
fünft. Diese Landschaften sind, sofern sie nicht einer gewissen Gattung holländischer Landschafterei angehören — gemalte Töne, verkörperte Empfindungen; aber ernste und heitere, lachende und düstere, furchtbare und liebliche, sie sind reich und maNnichfaltig wie das menschliche Herz.
Doch zeigt sich auch hier, wie in der Politik und Literatur, ein Keimen, ein Ringen zu festen und klaren Schöpfungen; wir sehen Versuche, hier und da sogar Erfolge, um zu historischen Gestalten zu gelangen.
Ja, diese Bestrebungen bilden eigentlich den rothen Faden, der sich immer deutlicher durch die Gegenwart zur Zukunft hinzieht. Aber noch ist die Gegenwart beherrscht und getragen von der allgemeinen Stimmung und es darf uns nicht wundern, daß auch in dieser Kunstausstellung das Gelungene, das in sich Vollendete und Gesättigte, das Meisterhafte zum größeren Theile der Landschafterei angehört. (Forts. f.)
Won Dutierre.
Nach Calderon von West.
Das spanische romantische Drama hat unstreitig durch Calderon sich zur schönsten Blüthe seiner Voll- kommenbeit entfaltet, so wie schon früher die spanische Romanze zur Zeit des Ritterthums und in der Begegnung mit den Arabern den höchsten Gipfel ihrer Ausbildung erreicht hat. Bis in das innerste Mark des Lebens von einem streng-katholischen Geiste durchdrungen, fortwährend auf den höchsten poetischen Kothurnen einherschreitend, erhabene und tief gefühlte National-Begeisterung in jeder Pulsader schlagend, in gewiper Beziehung Meisterin des Technischen, ist uns dennoch die spanische dramatische Literatur mit all' ihrem Glanze und ihrer Reichhaltigkeit, wenn schon bekannt, doch größtentheils ein fremdartiges Element geblieben. Der drückende, betäubende Zas- min-Geruch dieser Dichtung hat zu wenig Aehnlichkeit mit dem beruhigenden Lindenhauch unserer deutschen Dramatik, die mit kühnen Pinselstrichen gezeichneten, lebens- mit gluthvollen Gestalten des spanischen Dra- ma's sind unserem deutschen oimie zu fremdartige Erscheinungen, als daß wir, wenn wir auch diese Erzeugnisse einer großartigen, poetischen Urkraft anstaunen, uns in dieser Atmosphäre und Umgebung auf längere Zeil einheimisch fühlen könnten. Tie große Verschiedenheit der uns fern liegenden spanisch.n Dramatik im Gegensatze zu der uns verwandten britischen ist von Niemandem richtiger erkannt und schlagender her
vorgehoben worden, als von Göthe. Shakespeare, sagt unser ebengenannte Dichter-Heros, reicht uns die Weintraube, duftig, gereift und golden, vom Stock; Calderon gibt uns rektificirten Weingeist, mit Gewürzen versetzt und mit Süßigkeiten gemildert, ein einzu- nehmendes oder abzuweisendes Reizmittel. Wir müssen uns freilich, was spanische Stücke anbelangt, da es an geschickten Uebersetzern derselben, mit Ausnahme August Wilhelm Schlegels, welcher bekanntlich Don Gutierre nicht übersetzt hat, ziemlich fehlt, behelfen, und hierbei manches Unspanische, so wie Unpoetische überhaupt, mit in den Kauf nehmen. Hr. West-Schreivogel ist des Spanischen nicht mächtig, wie schon deutlich daraus hervorgehen dürfte, daß die meisten Eigennamen des Drama's nicht einmal in richtiger Orthographie dem Original entnommen sind. Hr. Schreivogel scheint seine Bearbeitung des Stückes einer der ältern deutschen Uebersetzungen in Prosa entnommen zu haben.
Die jüngste Darstellung des Stücks auf unserer Bühne war im Ganzen vortrefflich. Fräulein Thate verdiente durch ihre Leistung als Donna Menzia sicher den Dank der Kenner und Nichtkenner, und wir können die feine Nüancirung des Spieles dieser talentvollen, mit Klarheit und Sicherheit tief in den Geist ihrer Aufgabe eingehenden Künstlerin, deren Werth von Tage zu Tage mehr hervortritt, nicht genug loben. Es ist erfreulich, die Individualität einer denkenden Künstlerin dem Charakterbilde, welches der Dichter vorgezeichnet, Fleisch und Blut verleihen zu sehen. Wird so gespielt, wie es Fräulein Thate als Donna Menzia that, so hat die Schauspielkunst ihre höchste Aufgabe gelöst, und steht auf würdige Weise zwischen plastischer und redender Kunst mitten inne. Don Gutierre gehört zu den vorzüglichsten Leistungen des Hrn. Boltzmann. Durchaus braves, verständiges Spiel, sichtlichen Eifers voll und vor Allem kunstverständige Mäßigung, kein Ueberströmen, sondern Beherrschen des Gefühls. Hr. Gabillon (Don Enrique) hat gute Mittel, namentlich klangvolles Organ, und eine gewisse Lebenswärme, so wie Wahrheit der Empfindungen in seinem Spiel. Tieferes Studinm für seine Leistungen muß der Zukunft Vorbehalten bleiben, wir hätten neben dem Chevaleresken und der nicht zu zähmenden Liebesgluth des jungen Prinzen, auch das Schwankende und Unsichere des Charakters desselben, welches namentlich in den letzten Akten hervortritt, etwas mehr hervorgehoben zu sehen gewünscht. Fränl. Leincke wußte der an und für sich undankbaren Rolle der Leonora eine richtige Gestaltung, so wie auch eine gewisse poetische Frische zu geben, und brachte namentlich die Scene im HL Akt mit Hrn. Pauli (Don Arias), dessen scharfes, korrektes, abgemessenes Spiel die lobendste Anerkennung verdient, zur kuusigemäßen Anschauung. Gegen einen König, namentlich einen König von Kastilien, etwas zu äußern, wäre Majestätsbeleidigung. H.
Perautw»rt!ichcr Herausgeber: Fr. Oetker, — Druck von Fr. Gebiet in Kassel.