Unterhaltungsblatt
M RMLN HLMschLZl Zeitung.
M âS Sonntag den LI. November. DKW.
Wer Manningsche Proceß.
Dieser Kriminalproceß, der in England eine fast fieberhafte Spannung erregt hat, ist am 26. Oktober beendigt worden. Er bildet den Mittelpunkt aller Gespräche und verdient daher eine kurze Aufzeichnung auch in diesen Blättern. Die blutige Geschichte, welche ihm zu Grunde liegt, ist einfach genug. Ein Paar Menschen, welche eine Zeit lang mit den vornehmsten Kreisen in Berührung gestanden haben, der Kammerdiener eines Lords und die hübsche schweizerische Zofe der Herzogin von Sutherland, verheira- then sich und errichten von ihrem Ersparten in London, in Bermonsdep-Street als Mr. und Mrs. Manning eine Art Hotel garni. Die Frau beginnt einen Liebeshandel mit einem jovialen, gutmüthigen Junggesellen Namens O'Connor, der ein hübsches Vermögen und eine gute Stelle beim Zollwesen hat. Freigebig und arglos, wird er von dem abgefeimten Ehepaare eine Zeitlang weidlich ausgebeutet, bis dem letztem der verruchte Gedanke kommt, durch einen Mord sich in den Besitz des ganzen Vermögens des verliebten Zollbeamten zu setzen. Eines Tages ist O'Connor verschwunden; acht und vierzig Stunden vergehen, ehe seine Kollegen nach ihm forschen. Seine Hauswirthin sagt aus, daß Mrs. Manning, wie es häufig der Fall war, auf O'Connor's Zimmer gewesen sei und sein Schreibpult untersucht habe. Die Polizei wird benachrichtigt; Manning's Wohnung wird aufgesucht, das Ehepaar ist nicht mehr da. Man durchsucht das Haus, aber man entdeckt keine Spuren von dem Vermißten. Da fällt es einem Polizeidiener ein, daß ein Fließ im Fußboden der Küche nicht kunstgerecht eingemörtelt ist; man hebt das Fließ aus,
man gräbt nach und findet zwei Fuß tief unter der Erde die nackte Leiche des Vermißten, die sogleich an einem falschen Gebiß erkannt wird. Der Schädel zeigt eine Schußwunde und Spuren von Hammerschlägen; daß ein furchtbares Verbrechen verübt ist, leidet keinen Zweifel mehr. Durch ein zärtliches Billet verlockt, hat das unglückliche Schlachtopfer sich den ver- rätherischen Gastfreunden in die Hände geliefert, welche, als er sich mit ihnen zu Tische setzte, schon entschlossen waren, daß er nicht mehr ihr Haus verlassen solle.
Gleich nach dieser Entdeckung entwickelte die Londoner Polizei mit seltener Großartigkeit alle Mittel, welche diesem unerreichten Institute zur Verfügung stehen, um die muthmaßlichen Mörder zu ergreifen. Die Telegraphen spielten, Kriegsdampfböte setzten den letztabgesegelten amerikanischen Packetböten nach, Polizeiagenten gingen nach Wales, nach Irland, nach Schottland, nach Frankreich. Einem Polizei-Inspektor gelang cs, mit einem Aufwande unglaublichen Scharfsinns den Fiacker zu entdecken, welcher Mrs. Manning am Morgen nach der Mordthat gefahren hatte; er hatte sie nach der Nordbahn gebracht. Der Faden war gefunden; am Bahnhöfe erfuhr man, daß eine Mrs. Manning werthvolles Gepäck theilweise nach Edinburgh hatte einschreiben, theilweise an Ort und Stelle deponirt hatte. Das letztere ward untersucht, und siehe da, es enthielt einen bedeutenden Theil des O'Connprschen Vermögens. Nun flog der Verhafts- befehl auf den Schwingen des elektrischen Funkens nach Edinburgh, und ehe zwei Stunden vergingen, war in London die Antwort: „Mrs. Manning ist verhaftet!" Die abgefeimte Spitzbübin hatte einem Edinburgher Banquier Staatspapiere zum Verkauf angeboten, sie hatte diesem ihr Hotel angegeben, und der Banquier war zufällig gerade auf dem Polizei-