Unterhaltnngsblatt
zur Reuen HeMfchen Zeitung.
M 43» Sonntag den 28. Oktober. 1S49»
Die Feste Komorn.
Mit der Kapitulation von Komorn und dem Einmärsche der kaiserlichen Truppen schließt die zweite ungarische Kampagne. Die k. Freistadt Komorn, Komarom, Comarommm, liegt in der Gespanschaft gleichen Namens, und zwar aus der Insel Schütt unter dem 470 45' 30" nördlicher Breite und 35° 47' 30" östlicher Länge. Die Festung, an 2000 Schritte von der Stadt entfernt, erhebt sich auf der südlichsten Spitze der Schütt an der Mündung der Waag-Donau in den sogenannten alten Jster. Sie ist fast wie die Lagunenstadt Venedig aus Gewässern aufgetaucht, als hätte sie der Fuß des ehernen Kriegsgottes aus dem Flußbette gestampft. Donau, Waag, Nyitra, Raba und Nabza senden nach ihrer Vereinigung ihre Fluthen hart an diesem österreichischen Gibraltar vorüber und gestalten seine Lage zu einem europäischen Festungsplatze ersten Ranges. In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts theilte Komorn das Schicksal der meisten Bollwerke und sah sich von seinem Herrn und Eigner vernachlässigt. Schon im Jahre 1808 entwarf man den Plan, Komorn zu einer Groß-Festung zu avaneiren, und neun Regimenter arbeiteten rastlos an den weitläufigen Werken. Vauban selbst hätte nicht mehr geleistet, denn schon im nächsten Jahre, und zwar im Juni 1809, trotzte diese Veste dem französischen Heere, und ihre Wälle waren wie die Bastione von Jean d'Acre, ver alten Ptolemais, zu hoch für Bonaparte's unermüdlichen Adler. Da man irrthüm- lich behauptete, Komorn sei noch von keinem Feinde erstürmt worden, so ziert es zum Andenken an diesen Umstand die Figur einer Jungfrau in Stein gehauen. Dieselbe hält in der einen Hand einen Kranz, mit der anderen scheint sie in Wahrheit die Devise anzudeuten, welche ihr Geschichtsschreiber beilegen, und die da dem Feinde gegenüber lautet: „Komm morgen!" Mit ihrer Jungfrauenschaft ist es aber nicht so weit her. Komorn ward nämlich nach Kaltenbäck's verläßlichem Nachweise bereits zweimal erobert. Das erste
Mal im dreizehnten, das zweite Mal im sechzehnten Jahrhunderte. Als nämlich nach Erlöschen des Ar- padischen Königsstammes 1301 in Ungarn zwiespältige Königswahl erfolgte und nach achtjährigem Kampfe Karl Robert von Neapel sowohl über den ersten Gegenkönig Wenzel aus Böhmen, wie über den zweiten Kronwerber Otto von Baiern, die Oberhand gewonnen und auf dem Rakoscher Landtage 1308 die allgemeine Zustimmung des Landes erhalten hatte, blieb nur der mächtige Graf Matthäus von Trencsin gegen Karl Robert in Waffen. Eine Hauptveste dieses streitbaren Grasen war Komorn. Karl Robert rückte vor die Stadt und eroberte sie, doch ist das Jahr nicht genau auszumitteln. Zum zweiten Male erfolgte die Eroberung abermals bei einem Thronstreite. Als in der Mohacser Schlacht 1526 die Blume der ungarischen Bannerschaft mit ihrem Könige gefallen war, wählte ein Theil der Magyaren Johann Zapolya, ein anderer Theil den Erzherzog Ferdinand, später Kaiser Ferdinand I„ zum Könige. Zapolya wurde noch im selben Jahre in Stuhlweißenburg gekrönt. Ferdinand kam erst im August des nächsten Jahres 1527 nach Ungarn. Er wollte sich über Ofen nach Stuhlweißenburg zur Krönung begeben. Komorn, auf dem Wege nach Ofen liegend, war durch Zapolya's Anhänger besetzt. Ferdinand umlagerte und beschoß die Stadt, sie ergab sich nach kurzem zweitägigem Widerstände. Komisch klingt es in unseren Tagen, so reich an allen Mitteln der Zerstörung, wenn es der Augenzeuge dieser Belagerung, Ursinus Velius, als unerhörte Geschwindigkeit der deutschen Artillerie rühmt, daß die Kanonen in fünf Stunden dreißig Mal, ja manche sogar sünfundvreißig Mal abgefeuert wurden. Die hohe Wichtigkeit der Festung Komorn, sagt Raffels- berger, leuchtet deutlich ein, wenn man bedenkt, daß sie den Hauptstrom Oesterreichs, der das Herz der Monarchie durchschneidet , beherrscht, daß sie einer Hauptarmee die Operationen an beiden Donauufern sichert, daß sie die von Wien nach Ofen gehende und nur schwer zu umgehende Hauptstraße mit ihren Kanonen dominirt, daß sie endlich bei einer unglücklichen