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klären? Was war natürlicher als die Erscheinung, daß seit dem April 1848 sehr viele sonst achtbare Bür­ger alles Ernstes meinten, jetzt müßten sie schon deß­halb auch Republikaner sein, „weil sie ja immer libe­ral gewesen wären." Sehr großen Antheil an dieser steigenden Begriffsverwirrung hatte auch das Unver­antwortliche, aller Selbstachtung bare Benehmen nicht weniger der gefeiertsten Mitglieder der früheren Kam­meropposition, die schmähliche Art, in der sie mit dem schlechtesten Gesindel gebuhlt, ja mitunter gar Brüder­schaft gemacht haben, nur um sich einen Anhang zu schaffen und die Wahlen in ihrem Sinn zu leiten, ihr stetes Schüren und Aufwiegeln, die jesuitische Be­rechnung, mit der sie Anstand nahmen, offen mit der gräulichen Sippschaft zu brechen, die sich in der „Mannheimer Abendzeitung" breit machte — aus dem saubern Grunde, „weil man ihrer zur Zeit noch nicht entbehren könne gegen den gemeinschaftlichen Feind." Wie häufig konnte man sehen und wie erklärlich war es, daß, als endlich die Väter den klaffenden Abgrund vor ihren Füßen erblickten und wieder einlenkten in die Bahnen der gesetzlichen Ordnung, die Söhne fort und fort in excentrischen Bahnen sich bewegten und an den Vätern irre wurden. Wir könnten wahrhaft empörende Beispiele solcher Zerwürfnisse aufführen. Soviel steht fest, daß nur eine äußerst strenge Zucht, die unerbittlichste Handhabung der Gesetze hoffen läßt, dieß verwilderte Geschlecht nach und nach wieder an Gehorsam gegen ein Höheres als den ei­genen Dünkel und Willen zu gewöhnen! Alle die nicht ganz verrannt und verblendet sind, stimmen darin überein, daß unsere Zustände völlig hoffnungs­los sind, wenn nicht auf lange hin die Herrschaft eines eisernen Gesetzes, eines einsichtsvollen Despotismus die Bevölkerung wieder zur Besinnung bringt, wenn auch nur Anklänge der alten badischen Leier sich wie­der hören lassen und den „souveränen Unverstand" „auf breitester Grundlage" von Neuem herausfordern.

Durch die Feuerprobe des Aufstandes hat sich un­ter Andern: auch zur Genüge gezeigt, wie wenig von probehaltiger Anhänglichkeit an das Fürstenhaus im Lande vorhanden ist, zugleich aber wie dünn die tüch­

tige Gesinnung und die muthvollen Charaktere über­haupt gcsäet sind, vorzüglich in der Pfalz, wo der vorherrschende Grundsatz stets der war, grundsatzlos auf beiden Achseln zu tragen und sich wo möglich für alle Fälle den Rückzug frei zu halten. *) Um so wohlthätiger berührten einzelne Beispiele des Ge­gentheils. So die Eidesweigerung der Gerichte und mancher einzelnen, woraufhin man z. B. in Heidel­berg weitere Vereidigungsversuche gar nicht wagte. So die muthige Erklärung des Stadtpfarrers Zittel im Tagblatt, daß er zwar den jetzigen Zuständen ein baldiges Ende wünsche, aber seinen Posten trotz aller Bedrohungen (man wollte ihn von der Kanzel schie­ßen!) nicht verlassen werde. Soviel ist wohl außer Zweifel: die Preßfreiheit hätte uns nimmer so ver­derbliche Früchte getragen neben den guten, als wir sie überall in Deutschland und hauptsächlich in Baden zu beklagen haben, wäre sie uns statt 1848 vielmehr 1815 zu Theil geworden, aber mit ihr zugleich, statt der Bundesakte, eine ehrlich gemeinte deutsche Reichs­verfassung und folglich große, würdige, vaterländische Ziele für unsere strebsamen jugendlich-feurigen Gei­ster ; hätten nicht unzählige von diesen in Unmuts und Verbitterung über die öffentlichen Zustände ihr Leben vertrauert, hätten nicht die besten Kräfte unseres Volks freiwillig oder gezwungen auswandern, in unange­messener Beschäftigung verduinpfen oder lediglich auf dem Felde der Literatur sich herumtreiben müssen. Oft genug ist schon gesagt worden, daß unsere jüngste Literatur vorzüglich darum in die äußerste Entartung verfiel, weil für alle, Talentvolle oder Talentlose, fast nur dieses Gebiet übrigblieb. Daß aber nach der endlichen Befreiung der politischen Presse jene Entar­tung sofort auf diese sich übertrug, mag seine Erklä­rung hauptsächlich darin finden, daß gerade die Be-

*) Diesen Eindruck machte auch die juristisch wohl vcrtlausu- lirte Formel des Eides, den die in Karlsruhe gebliebenen Mit­glieder des Ministeriums den aufständischen Machthabern leiste­ten und den sie durch eine lithographirte Zuschrift auch andern Beamten ancmpsahlen; wonach man „mit Vorbehalt der Verpflich­tung auf die Verfassung" sich zum Gehorsam gegen die verpflich­ten sollte, die eben diese Verfassung mit Füßen getreten hatten!