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zur Neuen Hessischen Zeitung»

MAO.

Sonntag den 7. Dktober.

1SM

Slreiüichter auf den badischen Aufstand und feine Quellen.

(Schluß.)

Es ist offenkundig, daß schlechtere Gymnasien schwerlich ein anderes deutsches Land auszuweisen hat, schwerlich ein anderes überhaupt ein Schulwesen, wo Alles so sehr auf die bloße handgreifliche Nützlichkeit, auf eine mechanische Abrichtung zu gewissen, allerdings im bürgerlichen Leben ersprießlichen Fertigkeiten be­rechnet wäre, wo die rein menschliche, sittliche Bildung so ganz und gar zu kurz käme gegen das klappernde polytechnische Element. Glaube man aber ja nicht etwa durch den Nebergang zum entgegengesetzten Er- trem, zum Pietismus, wie es jetzt so Manche fürchten oder hoffen, etwas Anderes zu thun als Oel ins Feuer zu gießen. Hier kann nur ein vernünftiger Religions- und Geschichtsunterricht Abhülfe hoffen lassen, der die Lehren ächter Sittlichkeit durch erhebende Beispiele veranschaulicht, und so dem kindlichen Gemüth un­auslöschlich einprägt. Dieß scheint uns die Haupt­aufgabe auch der Volksschulen zu sein, und wahrlich nicht das kahle Lesen, Schreiben und Rechnen, das niemals entrollt und zum Menschen bilden kann. Aber freilich man weiß nicht, ob man lächeln oder er­schrecken soll, wenn man mit diesem Maßstab die große Mehrzahl der Lehrer mißt, welche die Seele mit Bildern des Großen, Guten und Schönen zu erfüllen, die in den Geist des klassischen Alterthums einzufüh­ren bestimmt sind!

Gesetze, wie das Bürgerwehrgesetz und das Gesetz über die Geschworenen, jenes Heckerschen, dieses Mit- termaierschen Ursprungs, haben auch nicht wenig dazu beigetragen, selbst die Gebildeteren an den Gedanken

zu gewöhnen, daß nicht sie, nicht der ordnungliebende Mittelstand, sondern eigentlich nur die Bevölkerung der Kneipen, der Pöbel auf der Gasse das Volk ausmache, das große Wort zu führen und den Herrn zu spielen berufen sei. Wie wahr dieß ist, lehrt schon die Thatsache, daß auch nicht ein Mitglied des Standes, für den die Hetzer mit Erfolg ihr Möglich­stes thaten, den NamenProfessorenpöbèl" in Gang zu bringen, es zu einer Anführerstelle in der Bürger­wehr hatte bringen können, in der dagegen die Stie- felwichser undHerrendiener" eine um so größere Nolle spielten. Am verderblichsten aber scheint uns in Baden mehr noch als anderswo auf die politische Verbildung und die Zerstörung des gesetzli­chen Sinns und bürgerlichen Gehorsams unter allen Schichten der Bevölkerung der Ilmstand eingewirkt zu haben, daß Jedermann seit einem Men­schenalter sich gewöhnt hatte, den Beweis der Frei­sinnigkeit nur im rücksichtslosesten Tadel alles dessen zu sehen, was von oben kam, in der bloßen blinden Opposition als solcher gegen alle, auch die besten Ansichten und Maßregeln der Regierung. Durch die stete Gewöhnung an Mißtrauen und Widerstand, wozu gerade hier zu Lande weit weniger als ander­wärts die Landesregierung herausforderte, um so mehr freilich (z. B. durch Aushebung des Preßgesetzes) der Bundestag, wurden allgemach auch die Urtheilsfähi- geren großentheils in die lediglich verneinende Rich­tung hineingedrängt ; wie hätte man Besseres von de­nen erwarten sollen, denen überhaupt die nöthige Ein­sicht fehlte, um das Gute vom Bösen hier überall zu scheiden, und die plötzliche Umwandlung der besten deutschen Männer im vorigen Jahre aus Oppositions­gliedern in Stützen der Regierungen zu begreifen und anders denn durch Verrath an der Volkssache zu er-