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Unter Haltungsblatt

MV Reuen HeMMen Zeitung»

^38. Sonntag den 23. September. M^N.

Itreiflichter auf den badischen Aufstand und seine Outllen.

(Fortschung.)

So weit wir entfernt sind, die wirklichen Verdienste verkleinern zu wollen, die Baden sich erworben hat, so führt uns doch der nächste Gegenstand dieses Auf­satzes ganz natürlich mehr zur Betrachtung der Schat­tenseite des badischen Volks - und Staatslebens hin, die bisher über der Lichtseite nur zu sehr übersehen worden ist. Diese Lichtseite aber hervorzuheben bis zum Kleinsten herab, bis zu der in ihrer Art einzigen Eisenbahnspurweite und bis zu den kleinlichen Kün­steleien und Zierrathen des ebenfalls seines Gleichen suchenden Baustyls, zumal an den Staatsbauten, daran wird man es, nach wie vor, auch ohne uns nicht fehlen lassen. Niemand, der ehrlich sein will, kann läugnen, daß theils aus wirklicher Schlaffheit des Beamtenthums, theils aus übertriebener Besorg­nis; selbst vor dem bloßen Schein einer Verfassungs­verletzung oder Ungesetzlichkeit, oder auch nur der Nichtfreisinnigkeit, und zwar seit langen Jahren, Ge­setz und Ordnung im Lande beispiellos flau oder gar nicht aufrechterhalten wurden. Man erinnere sich nur an die Erklärung unseres Oberlandes in Kriegszustand, deren langem Zurückbehalten in der Tasche eines sonst hochachtbaren Gelehrten und Staatsraths das badische Land im vorigen Herbst den Struve'schen Putsch, und vor kurzem nahezu ein Struve'sches Schreckeâegi- ment, zu verdanken hatte. In welchem Lande wäre wohl, trotz alles Schimpfens der Wühler über das Gegentheil, eine so schlaffe Polizei, Censur *), Straf­

*) Mißverstehe man dieß ja nicht so, als ob auch wir wohl gar wieder, gleich unsern Unverbesserlichen, dieser schimpflichen Ein­

rechtspflege rc. zu finden gewesen! Stundenlange, mörderische Schlägereien und Schimpfereien, zumal an Sonntagabenden, waren in etwas entlegneren Stadt­theilen ganz gewöhnliche Erscheinungen, ohne daß wir auch nur einmal erlebt hätten, daß Polizeidiener und Gendarmen dabei sich hätten blicken lassen. Ebenso erinnern wir uns zahlloser Einbrüche und großer Diebstähle, aber fast nie einer Untersuchung, wobei etwas herausgekommen wäre. Mit gestohlenem Holz konnte man täglich auf offener Straße Handel treiben sehen. Man mußte sich nur wundern, daß die Dieb­stähle nicht noch häufiger wurden, als sie schon ge­worden sind. Von strenger Handhabung der Polizei­stunde war gar keine Rede mehr; weder die Behörden noch dieBürgerwehrpatrouillen zeigten darin den min­desten Ernst. So mußte wohl, da ohnehin die Be­völkerung der Pfalz dem Wirthshausleben ergebener ist als irgendwo in. Deutschland, die Völlerei und Zucht­losigkeit reißend zunehmen. Die Kneipen aber waren die offenkundigen Hauptwerkstätten der Wühlerei, wie schon der Umstand bezeugt, daß jetzt in Stadt und Land die Schenkwirthe großentheils als Hauptwühler verhaftet werden mußten. Vollends seit dem März 1848 fühlte der Mittelstand sich so gut wie schutzlos. Hätte er, dem an Ruhe und Ordnung am meisten liegt, auch Muth und Thatkraft zu deren Aufrechthal- tung bewiesen, die ihm leider hier wie fast überall fehlen, die Obrigkeit würde ihn dabei sicher jedesmal ebenso im Stich gelassen haben, wie sie es z. B. am

Achtung eine Lobrede halten wollten. Nur von der ungeschickten Art, in der sie gehandhabt wurde, wollen wir reden. Sie strich vielleicht zu oft, wo sie nicht hätte streichen sollen; noch öfter aber strich sie nicht, wo sie hätte nach dem Urtheil aller Bessern streichen sollen. Man erinnere sich doch nur an die Mannheimer Abend­zeitung!