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Unterhaltung« blatt

MV RLllLN HeMschm Zeitung.

J£ 2N. Sonntag den 22. Juli. B8âS

Ein poetisches Paar.

SkiM von H. Koenig.

(Fortsetzung.)

Dank dem Himmel, der mich auch bei Zeiten in einige edle und zartgebildete Familien jener lustigen Stadt gerettet hat! erwiderte der junge Legations­sekretär.

Und liebenswürdige Frauen walten darin, mein theurer Otto? fragte sie mit einem Tone, der nicht ganz frei von Eifersucht der Freundschaft war.

Bin ich nicht von Kindesbeinen auf von Frauen- Händen geführt, an Ihr edles, liebend bildendes, sor­gend treues Geschlecht gewiesen, geliebte Philippine? Ich rede nicht bloß von meiner amerikanischen Mutter, der wackern Tochter Sir CH. Eggerton -Leight's, deren kränkliches Kind ich war; nicht von der seligen Tante, jener in ihrer steten Leichenblässe mir unvergeßlichen Frau meines edlen Oheims, die durch ihre wunder­bare Stimme früh die Liebe zum Gesang in meiner Seele weckte. Mit dieser Liebe regte sich ebenso bald in mir der Trieb zu dichten. So darf ich wohl mein Träumen während der langwierigen Drüsenleiden mei­ner Kindheit nennen. Ausgeschlossen von den wilden Spielen der Knaben, war ich in mein Inneres zu den­ken und zu dichten getrieben. Eine schwere, schmerz­liche Kur gab meinem jugendlichen Geiste die ernste Stimmung, die zu mildern, Sie, beste Philippine, mir vom Himmel zugeführt wurden.

Jeden Falls durch einen Engel, liebster Otto! Sie erinnern sich wohl, daß die jüngste Tochter jener ihrem Oheim jo befreundeten Familie mich auf mein dringen­des Verlangen mit Ihnen bekannt machte. Und unter welchen wirksamen Umständen! Sie waren eben von Paris zurückgekehrt, noch niedergebeugt vom Tode Ih­rer Verlobten. Jene tolle Welt, wohin der Oheim Sie mitgenommen, milderte wohl seinen väterlichen

Antheil an der ihm und Ihnen gemeinsamen Trauer, drängte dagegen Ihr Leid, Ihr ewiges Leid, mein Otto, nur mit doppeltem Gewicht in Ihr edles Herz zurück. Etwas Verschlossenes lag vielleicht schon früher in Ih­rem Charakter; nun noch von Ihrem Schmerz über- schleiert, kamen Sie mir wie ein kostbares Räthsel vor, das ich durch inniges Verträum zu lösen hoffte.

Und wie bald gelang cs Ihnen, meine einzige Philippine!

Nun ja, mein Otto. Ein eignes Verhältniß trat mit den reinsten Bezügen des Familienlebens zwischen uns und vermittelte das herzlichste Vertrauen: Ihnen fehlte nämlich die Schwester, ich hatte keinen Bruder.

Aber Sie vergessen ein Zweites, Philippine: unsere poetische Verwandtschaft! Und selbst wo wir uns zuerst begegneten, blieb nicht ohne Einfluß. Jene Familie, deren jüngste Tochter Sie mir zugeführt, bildete eine poetische Atmosphäre um uns. Dort hatte ich mit den Töchtern unsere Sprachkenntnisse ausgetauscht, und war in meinen poetischen Versuchen ermuntert worden, bis ich nach Marburg ging, wo ich unter Studien dichtete und ein Frauenkreis mich richtete.

O wie treffend, liebster Otto, drückt dieser zufäl­lige Reim das schönste Verhältniß aus, daß Männer dichten und Frauen richten! Und fanden wir uns nicht bald in demselben Wechselbezuge? Wir lasen zusam­men, wir tauschten unsere poetischen Versuche aus.

Nicht genug, Philippine! Stellten Sie mir nickt die befriedigendste Aufgabe für meine ganze poetische Zukunft? Sie führten mich zu Calderon, und ich ver­danke Ihnen meine seligsten Stunden. Wie beglückt, wie erfüllt mich diese von Wundern getragene, vom Glauben verklärte Welt jenes poetischen Genius, der seine Bühne zwischen dem Theater und bet Kirckc schwebend erhält! Seitdem lebt und webt mein Geist im Dienste diesesKönigs der spanischen Bühne", wie ihn seine Landsleute so treffend bezeichnen.

Siehst Du, theurer Otto, wie genau ich das Be-