Unterhaltungsblatt
zw Reuen Hessischen Zeitung.
M 27. Sonntag den 8. Juli. 1849.
Eine Hieronymitin.
Skizze von Heinrich Koenig.
Während meines landständischen Aufenthalts in Kassel folgte auf einen angenehmen Frühling und Vorsommer ein recht trübseliger August. Einer seiner spätern Tage erheiterte sich gegen Abend , so daß es mich hinauslockte, in Erwartung, die schöne baumreiche Umgebung der Stadt in durchregneter Luft so frisch und durchklärt zu beschauen, wie man es an einem alten bestaubten Oelgemälde durch einen neuen Firniß zu bewirken versteht. Der stechenden Sonne entzieht man sich unter den herrlichen Kastanienbäumen, die an der Frankfurter Landstraße hinziehen. Aus diesen Schatten gelangt man nach einer guten Viertelstunde an eine Allee, die rechts ab sich um eine waldartig bewachsene Höhe sanft emporwindet. Unterhalb dieser waldigen Partie und längs derselben zieht ein Fahrweg und Fußpfad hin, und unvermerkt befindet man sich in den Anlagen eines anmuthigen, heimlichen Parks, — Schönfeld mit gutem Fug benannt. Ein Wasserspiegel schimmert durch das Buschwerks und wie man zwischen den schönen Bäumen Hineintritt, liegt der traulichste kleine See vor uns, den man hier kaum vermuthen konnte. Dichte Baumgruppen buntesten Grüns, zur Linken steil cmporsteigend, fassen ihn geheimnißvoll ein, und über seine Mitte hinaus fällt der Blick auf ein kleines, dicht- und hochbewachsenes Eiland. Man glaubt sich plötzlich in einen kleinen Gebirgsschooß versetzt, und da man rings um das schillernde Gewässer nur Baumgruppen in die Lüfte steigend und in der Fluth abgespiegelt erblickt, so macht dieser Miniatursee durch so einfache Umgebung und durch die Empfindung einer tiefen Einsamkeit einen seine körperlichen Maße weit überschreitenden Eindruck. So gibt es ja wohl auch Menschen, die bloß durch gedankenvollen Ausdruck und einfache Manieren ansehnlich und bedeutend erscheinen.
Ein gepflasterter Fußsteig führt vom See in sanften Windungen den Höhenzug hinan, welchem entlang schattige Alleen oder über grasige Böschungen absinkende Gänge laufen, da und dort mit Ruhebänken besetzt. Oben gelangt man auf einen freien Platz vor einem Schlößchen, — wenn man den einfachen Landsitz, um seiner fürstlichen Inhaberin willen, so nennen mag. Zwei gleiche Landhäuschen sind nämlich durch einen Zwischenbau in etwas größerem Styl verbunden, so daß sie dessen Flügel oder Pavillons ausmachen; der schwebende Mittelbau trägt einen Salon üb et- einer Anfabrthalle. Blumenscherben und Gewächskübel fassen mit einem jungfräulichen Kranze diesen Sommersitz einer unvermählten Prinzessin ein. Etwas zur Seite und hinter Bäumen halten sich die Oekonomie- gebäude mit Stallung und Wagenschuppen versteckt; wie sich denn auch die Gemüs- und Obstgärten mit einem Glashause durch eine Hecke vom schattigen Parke scheiden, und der Sonnenseite zukehren. Buschwerk mit traulichen Verstecksitzen umgeben den freien Platz; und wie man aus all dieser Heimlichkeit hinaus an die offenen Rasenplätze tritt, findet man sich auf diesem unvermerkt erreichten Standpunkte von einer doppelt reizenden Fernsicht, nach Oben und nach Unten, überrascht. Links erhebt sich der Habichtswald; Wilhelmshöhe tritt hervor, hoch von der Firste des Waldgebirges vom riesigen Herkules überwacht. Rechts hinab, jenseit der waldigen Au der Fulda, erstreckt sich eine anmuthige Landschaft; der sanfte Zug der Söhre mit thalwärts Hangenden Waldstrichen begegnet dem nörd- licben Lauf des Reinhardswaldes. Im Winkel der Gebirgsspalte erhebt sich der Hirschberg, neben welchem weit zurück ein blasses Stückchen von der Stirne des Meißners hervordämmert. Kassel selbst, so nahe es ist, versteckt sich Himer der baum- und gartenreichen Erhöhung, die mit dem Namen des Weinberges die Bierkeller und Bierwirthschaften hegt. Es ist Dinstag, und die Musik aus einer der Wirthschaften tönt herüber.