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Unter h alt nngs blatt

zur Neuen Hessischem. Zeitung»

^. 2L Sonntag den 2L. Juni MâV.

Drei Kapitel aus Dingelstedt's Roman: Sieben Jahre.

Morgendämmerung. *) Heureux villageois, dansons: Sautez, fillettes Et gar^ons Unissez vos joyeux sons, Musettes Et chansons!

B é r a n g e r.

Wir müssen, hinter unserem verschwundenen Hel­den drein, eine Entdeckungsreise antreten. Der ge­neigte Leser, welcher uns so weit gefolgt ist und noch weiter zu begleiten denkt, mag sich gut vorsehen mit gesunden Sinnen und starken Sohlen. Denn aus dem blendenden Glanz, dem fremdartigen Duft des königlichen Prunkgemaches, vom schlüpfrigen Hofpar­kett weg, führen wir ihn durch den Staub der Land­straße in die Stickluft einer Bauernschenke, in den idyllischen Schmutz eines Dörfleins.

Halsdorf heißt dieses Dörflein, oder Holzdorf, wie andere Leute schreiben und sprechen. Streiten wir nicht über den richtigeren Namen, gleich den Gelehr­ten über Grätz und Gratz; es würde die Mühe nicht lohnen bei einem so dunklen, schlichten Platze. In der Zeit freilich, da wir ihn besuchen, war er noch nicht so verlassen und öde als heut zu Tage; es stan­den ansehnliche Häuser an der Straße, die jetzt ver­fallen und leer sind, der Frachtwagen und der Karren gab's Tag und Nacht kein Ende, und in den zahl­reichen Herbergen wimmelte es Jahr aus, Jahr ein von fremden und einheimischen Gästen. Damals führte

*) Mit diesem Kapitel, dem ersten des siebenten Buchs, be­ginnt der zweite Band.

nämlich die große, sehr belebte Heerstraße von Frank­furt nach Kassel durch Halödorf und Die Post wech­selte daselbst die Pferde. Das war die gute alte Zeit, wo jede ordentliche Chaussee im lieben deutschen Vaterlande als würdiges Kunstziel es sich vorgesteckt hatte, alle in ihrer Richtung möglicher Weise erreich­baren Anhöhen, benebst entsprechender Vertiefung, un­terwegs aufzusuchen und in menschenfreundlicher Uebung des Grundsatzes „Leben und leben lassen" sämmtliche Oerter und Oertchen, Weiler und Wirthshäuser, Mei­len weit in der Runde, gleich Perlen an einer Schnur, an ihren malerischen Windungen in bunter Wechsel- folge einladend aufzureihen. Die glückliche Welt wußte damals so wenig von Eisenbahnen, wie von Vereinen gegen Thierquälerei. Das liebe Vieh rackerte sich ehr­lich ab auf den steilen, staubigen Steigungen des Weges, und der Mensch ging behaglich zu Fuße neben her, weil es ihn noch nicht, wie jetzunder, eher anzu­kommen als abzureisen drängte. Die ehrwürdige Post­schnecke, — auf althessisch Dëhlischankse genannt, — brauchte auf der Strecke zwischen Frankfurt und Kas­sel ihre geschlagenen drei Mal vierundzwanzig Stunden, und bloß drei Mal unterwegs umgeworfen, am vilbe- ler, schönstätter und melsunger Berg, galt für eine ausnehmend glückliche Fahrt. Nicht wahr, da konnte Einer noch mit Fug und Recht ausrufen: o welche Lust gewährt das Reisen!?

Halsdorf besaß auch und besitzt noch, unmittelbar neben dem alten Posthause, solch einen halsbrechenden Straßen-Buckel, dem der ganze Ort seinen Verfall zu danken hat. Die Station ist nach Josbach ver­legt, die Straße, um mit dem Herrn Wasser- und Wegebau-Inspektor zu reden, korrigirt worden, das heißt: sie macht einen vornehmen Bogen um Hals­dorf und läßt das arme Nest links liegen. Die Perle,