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Unterhaltung« blatt

zur Reuen Hessischem Zeitung»

Jtë 22. Sonntag den LK. JnnL H8^N

C l a v i g o.

Ein interessantes Pendant zu dem unlängst auf unsrer Bühne gesehenen Don Carlos erkannten wir diesen Abend in Clavigo. So ungern wir Künstler derselben Gattung miteinander vergleichen, weil jeder wahre Künstler viel zu selbstständig ist und also betrachtet werden muß, als daß er besser und größer, oder schlechter und kleiner als ein anderer genannt werde, eben so leicht fühlen wir uns versucht, konlrastirende Kunstwerke gerade in ihrer jederseitigen Selbstständigkeit gegeneinander zu halten; ebenso oft als Parallele, ebenso oft als Gegensatz. Selten tritt die Idealität Schiller's der Naturwahrheit Göthe's so grell, so überraschend gegenüber, als in beiden vorgenannten Dramen. Schiller hat den historischen Stoff seines Don Carlos vollkommen ins Ideale ge­hoben und ihn damit, aller seiner welthistorischen Per­sonen ungeachtet, aus jeder dagewesenen, aus jeder kommenden Zeit entrückt. In dieser Folge paßt er in eine jede Zeit, weil er eben keiner mehr angehört, und so lange es noch Fürsten und Höfe, so lange es noch Standesverhältnisse, noch Freunde, so lange es noch Schwärmerei und Begeisterung gibt, so lange wird auch Don Carlos mit ewiger poetischer Jugend fortblühen; ganz, ganz anders aber ist cs mit Clavigo. Clavigo's Gegenstand, aus einem wahren Vorfall in Madrid entlehnt, paßt seiner ganzen inneren Bedeu­tung nach ins bürgerliche Veben einer jeden Zeit und dennoch hat ihm Göthe durch Motive, durch Vorur- theilc, durch Dialog so sehr den Charakter seiner Zeit aufgedrückt, daß Vieles jetzt nicht recht verstanden wird; Göthe hat Clavigo in der That recht eigentlich für seine Zeit geschrieben. Die bürgerlichen Verhält­

nisse und Gewohnheiten sind weit leichter einer Ver­änderung der Mode unterworfen, als die fürstlichen. Hierzu kommt, daß in Clavigo die beiden Nationali­täten von Frankreich und von Spanien sehr scharf vertreten werden, so zwar, daß sie der dritten, der deutschen Nationalität bis zur Unnatur gesteigert er­scheinen und in einzelnen Ausdrücken auch wirklich sind. Wenige Theaterstücke der deutschen Litteratur sind in ihren Einzelheiten, wie in ihrem Gesammtge- webe so schwer zu motiviren, als Clavigo. Jeder Charakter darin scheint deutlich und bestimmt gezeich­net, wenn man liest, und dennoch tauchen hundert Be­denklichkeiten auf, wenn die Rollen zur Darstellung gebracht und treu, d. h. natur- und poesiegetreu ge­spielt werden sollen. Von dieser Sorge müssen wir ausgehen, mit dieser Bedenklichkeit müssen wir verfah­ren, wenn wir das Stück in seiner Darstellung er­kennen und die Darstellung wiederum in der Dichtung selbst gerechtfertigt, vielleicht auch entschuldigt fin­den wollen. Selten bedarf der Kritiker ein so gutes ehrliches Herz zu seinen Arbeiten, als hier bei Cla­vigo, wenn er nicht alle Gerechtigkeit mit Füßen tre­ten, nicht alle Billigkeit vernichten will. Das Histo­rische über die Entstehung dieses Drama's hilft uns über einige Klippen hinweg, indem wir nämlich von Göthe selbst in seinen Schriften erfahren, daß er Cla­vigo innerhalb acht Tagen bis auf Weniges vollendet, daß er in Folge eines Versprechens, um sein Wort zu lösen, dieses Drama in dieser kurzen Frist geschrie­ben und daß er sich vorher den schwierigen Stoff nur in allgemeinen Umrissen überdacht und geordnet hatte. Der Dialog darin ist daher prägnanter, ausdrucks­voller und derber, als in jedem anderen Drama Göthe's selbst Götz von Berlichingen nicht ausge­nommen und wenn derselbe hier und dort gedehnt