72 —
Der grüne Domino fiel; unter ihm saß, fir und fertig, knapp und prall, die Tirolertracht; die braune Juppe aus groben Faden gemacht, mit grünem Saum, das rothe Wamms mit grünen Tragbändern, der breite Ledergürtel, mit Federzierrath ausgelegt, kurze schwarze Lederhosen bis zum Knie, aus deren Seitentasche ein silberner Messergriff hervorragte, und weiße Strümpfe, die ein sehniges Bein nicht ganz bedeckten. Der Marquis langte in seinen Köcher und zog aus dessen ansehnlicher Tiefe ein grünes, spitzes Tirolerhütchen hervor, das, durch ein paar Griffe in seine Form zurechtgestutzt, mit der breiten Krempe und der geschlossenen Maske auch nicht einen Zug des Gesichtes erkennen ließ.
„Nun", sagte der Marquis, „wer erräth in diesem groben Passeirer einen der feinsten Verschwörer im weiland heiligen römisch-deutschen Reich? Vorwärts, Sepperl, Dein Domino steckt dort hinter dem großen Wandspiegel. Geh' zu Markt mit Deinem tollen Kram. Hetze mir die gehörnten Bursche weidlich; mache Jagd auf sie, wie auf den Gamsbock im schönen Burggra- fen-Amt. Ich steh dafür, daß Dir nichts zu Leid geschieht, und hast Du Dich verstiegen, ruf’ um mich; meine Hand schmeißt Dich säuberlich zum Tempel hinaus."
— Hat keine Gefahr, alter Herr, antwortete eine klangvolle, herrliche Bruststimme, mit starker österreichischer Farbe in der Mundart. Wann Die 'n P'ssei- rer fangen wollen, müssen's früher aussi gehn. —
„So recht, Sepperl. Nun hinaus mit Dir. Wir folgen bald."
Der Tiroler schlenderte bequem fort, nachdem er an einem Paar gekreuzter Tragriemen das verkehrt ausgeschlagene Schachbrett um seine Schultern gehangen und aus der Tasche allerlei kleine Waare, versiegelte Zettelchen und dergleichen darauf ausgebreitet.
Wohlgefällig blickte der Marquis ihm nach und wandte sich dann zu den Zurückbleibenden: „Ihr schüttelt ärgerlich die Perrücke, meine wohlweisen Herren, und denkt, der alte Marquis ist über Nacht toll geworden, daß er Eure Sache an einen nichtsnutzigen Karnevalsspaß wagt? Glaubt das nicht! Es ist mehr Ernst in diesem Spaß, wie Ihr Euch vorstellen
mögt. Unsere Gegner drinnen müssen erschreckt, unsere zaghaften Freunde erinuthigt werden. Diesen Eindruck macht es, wenn wir den Ochsen bei den Hörnern packen, den Teufel mitten in der Hölle am Barte zupfen. Gebt nur Acht, wie die Reimsprüchlein des Tirolers unter sie fahren ; wie Schwärmer unter eine Lämmerheerde, wie ein Funken in ein Pulverfaß. Mein Sepperl ist gut unterrichtet durch mich: er kennt jede Maske, ihn kennt keine."
Emmerich unterbrach hier den Marquis und fragte: „Aber zum Henker, woher wißt Ihr denn, wie alle die Lassen drüben heute sich vermummt haben?"
„Alter Landsknecht, habt Ihr schon gehört, daß zwischen Himmel und Erde, oder zwischen Paris und Kassel etwas vorgeht, was der Marquis nicht wüßte? Soll ich Euch in's Ohr sagen, bei wem Ihr gestern Abend geschlafen und was Ihr aus der Schule geschwatzt habt, grauer Sünder?!"
Die Männer lachten laut auf und Emmerich betrachtete den fürchterlichen Liebesgott mit scheuen Blicken. Dieser fuhr fort: „Scherz bei Seite! Wir müssen jetzt dem Tiroler nachgehen. Zerstreut Euch im Saal; vergrößert den Schrecken, den seine Erscheinung bald um sich verbreiten wird. Flüstert dem Weibervolke in's Ohr, es stecke ein Prinz unter der Maske, ein Pariser Duc, ein natürlicher Sohn des Kaisers. Macht recht viel blauen Dunst um ihn, damit er größer erscheine und sicherer verschwinde. Für Euch, Auditeur, habe ich noch eine besondere Aufgabe. Nehmt diesen Schlüssel zu Euch. Verwahrt ihn genau, als wäre er der goldene Kammerherrnschlüsscl, nein, der Schlüssel zu der Kammer Eures Feinsliebchens. — Hui, wie die Fledermaus zuckt. Ruhig Blut, mein Junge. — Dieser Schlüssel öffnet die Thüre, welche aus- des Königs inneren Gemächern in den Schloßhof führt. Ihr seid orientirt hier. Wenn alle Löcher besetzt werden sollten, daß der Fuchs keines mehr zum Entschlüpfen fände, führt ihn da hinaus. Dort findet Ihr Nachricht von mir, die alles Weitere besagt. An die Arbeit nun. Ihr geht vorauf: die Jugend im Vortrabe, das Alter in der Nachhut. Amor segnet Dich, schöner Held!"
Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck von Fr. Scheel in Kassel.