Nnterhaltungsblatt
MV Neuem HeMfchem Zeitung»
M 18. Sonntag den 6. Mai 1S£9>
Drei Kapitel aus Diugelstedt'S Roman:
Sieben Jahre.
Faschings - Dinstag (Schluß.)
Valentin flatterte als graue Fledermaus in dem Lichtermeer umher. Aber seine Flügel waren leichter, als sein Sinn. Zum ersten Male seit dem entscheidenden Bruch mit Madame Mono begegnete er ihr aus dem Balle, nachdem er Wochen lang, ob aus Muth oder aus Schwäche? absichtlich jede Gelegenheit vermieden, sie zu sehen. Auch hier wünschte er nicht, ihr gegenüberzustehen; er hätte ganz wegbleiben mögen, wenn ihn nicht das Interesse an Gabriele in den Wirbel gezogen. O wie klopfte ihm das Herz, als beide, die Frau und das Mädchen, welche ihn so nahe angingen, im ersten Zuge der Königin an ihm vorüberschwebten! Caliste erschien ihm schöner, als er jemals sie gesehen: das feine Ebenmaß ihres Wuchses, jene schlangenhaste Beweglichkeit der Gestalt, wie sie den Creolinnen eigen ist, der unaussprechliche Zauber, welcher als die vollendetste Verbindung natürlichen Reizes und künstlicher Ausbildung ihr ganzes Wesen umschwebte, das alles überschlich und umstrickte, wie er von fern stand, seine Sinne wieder mit berückender Gewalt. Er mußte die Hand fest auf das Herz pressen, um ein ungestümes Pochen niederzuhalten. „Caliste", murmelte er in sich, „ja wahrhaftig, Caliste, die Schönste von Allen!" Sie war, wie der gesammte königliche Zug, ohne Larve. Ihr Auge, — gibt es denn wirklich einen magnetischen Zug und Strom in der geistigen Welt der Leidenschaften? — ihr großes Auge siel unter den fast tausend Masken gerade auf die Fledermaus, welche in ihrer Nische fest zu hängen
schien. Wie scharf dieses Auge sah, wissen wir und wundern uns deshalb nicht, wenn in der nächsten Pause der Quadrille Caliste durch die Menge glitt und unter dem Vorwande, eine Schleife an ihrem Kleide zu ordnen, gerade auf die Nische und die Fledermaus in derselben zueilte. Valentin wollte davon; aber sie rief ihm zu: „Reste-lâ, pauvre chauve-souris; tu es bien â ta place, et je ne te dérangerai pas.“ Kein Ton in ihrer kalten, hellen Stimme verrieth, wie anders diese an dasselbe Ohr noch kurze Zeit zuvor geklungen. Ihre linke Hand wies spottend auf die Zn- schrift der Bude, woran Valentin lehnte, während sie mit der Rechten eine diamantene Agraffe fester in die gelockerte Busenschleife steckte. Valentin blickte um sich und las über der Thür: Au fidèle berger! Erzürnt eilte die Fledermaus aus ihrem Versteck hinweg und verschwand unter der Menge.
Gabriele, welche ein paar Tage zuvor ihren neuen Dienst als „Dame d'annonce“ bei der Königin angetreten hatte, schloß als die letzte ihres Gefolges den Zug. Sie schaute so ernst und fremd darein, schritt so gemessen und feierlich einher, als fühlte sie in diesem Kreise sich wenig heimisch oder an falscher Stelle. Es lag in teilt schönen ruhigen Gesichte, das eher einer Britin als der Französin hätte angehören können, ein solcher Ausdruck von Theilnahmlosigkeit an allem Aeu- ßern, vorübergehend sogar von Kälte und Strenge, daß Valentin, welcher ihr mit den Blicken folgte, beinahe davor erschrak. Mit tiefer Spannung hing er an ihren reinen Zügen, und diese Spannung wuchs bis zur Angst, so oft in zufälliger Fügung der Tanz- figuren der König in Gabrilens Nähe gerieth oder ihre Hand faßte. Ihm kam es dann vor, wie wenn über einen glänzenden Spiegel ein trüber Hauch flöge. Der galante Schatten des Bearners drängte sich mit