Unterhalt nngsblatt
zue Reueu HLMfchLN Zeitung,
M SA Sonntag den l^ April 18ÄS
Preciosa.
Ich habe oftmals ein Urtheil, welches die musikalische Zwitterdichtung Preciosa ein langweiliges Schauspiel nannte, mit innigem Verdrusse angehört, da ich schon in meiner Kindheit die vielfachen Reize Pre- ciosas liebgewonnen hatte. Die letzte Vorstellung, am 5. April, hat mir jedoch zu einigen Betrachtungen Anlaß gegeben, welche ich um deßwillen veröffentliche, weil sie, theilweise wenigstens, das Räthsel lösen dürften, weßhalb sich Entzücken und Gleichgültigkeit bei einem und demselben Gegenstände rechtfertigen lassen. Das Urtheil der großen Menge, d. h. der Menge mehrerer Gegenden und mehrerer Zeiten, ist mit wenigen Ausnahmen ein richtiges. Wenn ein Kunstwerk befriedigt, so liegt dies in ihm selbst, in der Harmonie des Ganzen und aller seiner Theile. — Preciosa hat ein sehr günstiges Sujet, alle Reize des Romantischen keimen darin: das ewige Wandervolk der Zigeuner, dieser asiatische Flugsand, trägt das Ganze und verbindet sich dem spanischen Ritterthum durch ein Mädchen, welches beiden angchört und durch den höchsten aller Reize, den der Schönheit, „ganz Spanien" entzückt; ein junger Ritter in schlichtem Jäger- gewand folgt ihr aus Liebe, und ihre beiderseitige Verbindung wird dadurch möglich, daß Preciosa in einem edlen Rittergeschlecht ihre verlorenen Eltern wiederfindet. Diese Dichtung hat zugleich das unschätzbare Glück gehabt, daß Karl Maria von Weber die Musik dazu schrieb, und gerade in ihr die ganze Allgewalt seiner sentimentalen romantischen Seele ausgoß. Der zweite Auszug von Preciosa ist die schönste Musikdichtung, welche zu irgend einer Zeit komponirt wurde; keine von allen unsern Opern hat etwas Schöneres aufzuweisen. Wer jemals von der geheim
nißvollen Einsamkeit eines düsteren Waldes, eines Waldes im Mondenschimmer ergriffen wurde, wer jemals den unbeschreiblichen Genuß hatte, an einem solchen Ort die Töne eines kräftigen Gesanges, eines Waldhorns und vollends den geisterartigen Widerhall im fernsten Hintergründe zu vernehmen — und hört Webers Chor „Im Wald, im Wald" von einer Zi- geunerhorde gesungen, mit dem Echo des Refrains; er muß, wenn er Gefühl hat, in seiner tiefsten Seele erschüttert, wonnig erschüttert werden. In welchem Lied ist der feine Reiz der Liebesehnsucht so zart und doch so innig ausgesprochen, als in Preciosas Lied? Wie kräftig, wie belebend und erhebend ist sodann der Schlußchor dieses Auszugs: „Die Sonn' erwacht, mit ihrer Pracht". Hat jemals irgend ein Tonsetzer das Romantische so tief und zugleich so charakteristisch erfaßt, oder jemals in schöneren, edleren und originelleren Wohllauten wiedcrgegeben, als Karl Maria von Weber? Es hat nicht wenige Kunstkenner gegeben, welche die Musik zu Preciosa für Webers vollkommenste Arbeit erklärten, ich aber sage noch mehr: sie ist gewiß das Beste, was überhaupt je geschrieben wurde und geschrieben werden wird, denn man empfindet dabei die erreichte Vollendung, welche in derselben Gattung nur ein Mal möglich ist. Welche Frische des Charakters und der Originalität spricht sich ferner in den Märschen und Tänzen und in der Ouvertüre aus, und welche seelenvolle Empfindung endlich in den Melodramen Preciosas, namentlich bei den Stellen, wo sie ihre Liebe zu ihrem Ritter Don Alonzo durchschimmern läßt und ihn mit ihrem Blicke aus der Menge heraussucht! Und doch — aller meiner Superlative ungeachtet bleiben in Preciosa auch meine Anforderungen unbefriedigt. Ich suche den Grund hiervon in dem Aphoristischen dieser