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Unterhaltung# blatt

zur Neuem Hessischem Zertumg»

M IX Sonntag den 8. April 1S419*

^)rou-hon über Liebe und Ehe.

Proudhon, der berühmte oder berüchtigte Socialist, der Gottesleugner und Umstürzer, offenbart in seinen Schriften oft Ideen, die einem christlichen Gottesver- chrer zugetraut werden könnten. In einer auf sitt­licher Höhe stehenden Ehe erblickt er das Heilmittel der Zeit, die einzige Hemmung der unaufhaltsam zu Elend und Verderben fortreißendcn Uebervölkerung. Ein Auszug seiner Schriften mag das beweisen. Er sagt:Durch die Ehe bestimmt und verpersönlicht sich die Liebe; ebenso soll sie, vermöge eines Systems von durchaus sittlichen Uebergängen, durch die Läute­rung der Empfindungen, durch den Kultus des Ge­genstandes, dem der Mensch sein Dasein gewidmet hat, über den Materialismus und die Eintönigkeit der Liebe triumphiren."....Durch den Fortschritt der Industrie, die Entwickelung der Ideen, die Ausbil­dung der Sinne, entsteht in dem Menschen eine zarte Natur seiner Neigungen, er liebt seine Frau wie seine Arbeit spritualistisch, trachtet aus ihr ein Meisterwerk, eine Göttin zu machen sie soll glänzen, tugendhaft, verständig sein. Das Ideal, was er sich geschaffen hat, fürchtet er mit seinen Händen zu besudeln; er sieht für Nichts an, was ihm ehedem in der Glut des Verlangens Alles zu sein schien. Was die Kunst aus- macht, ist die Reinheit der Linien, die Grazie der Be­wegungen, die Harmonie der Töne, der Glanz des Kolorits, die Abrundung der Formen. Alle diese Ei­genschaften der Kunst sind auch Attribute der Liebe, in der sie die mystischen Namen: Keuschheit, Scham­haftigkeit, Anstand, annehmen. Die Keuschheit ist das Ideal der Liebe; dieser Satz braucht künftig nur aus­gesprochen zu werden, um sofort zugegeben zu sein. Die Kunst, aus der Arbeit geboren, beruht nothwendig

auf einem Nutzen und entspricht einem Bedürfniß; an sich selbst betrachtet ist diese Kunst nur die mehr oder weniger ausgesuchte Weise, dieß Bedürfniß zu befrie­digen. Was die Moralität der Kunst ausmacht, der Arbeit ihren Reiz erhält, die Begeisterung für sie er­regt, ist folglich ihr Werth. Was die Moralität der Liebe ausmacht, das sind die Kinder. Die Vater­schaft ist die Stütze der Liebe, ihre Weihe, ihr Ziel. Ist sie erlangt, so hat die Liebe ihre Laufbahn vollen­det, sie erlischt oder vielmehr sie verwandelt sich. Aus der Jdealisirung der Arbeit und der Heiligkeit der Liebe ergibt sich Das, was man nach allgemeiner Ueber­einstimmung Tugend nennt (das Taugende), im Ge­gensatz zur Leidenschaft. Die Tugend des Menschen besteht in seiner Befreiung von der Natur durch das Ideal; durch die Tugend befreit sich der Mensch von der Nothwendigkeit und gelangt stufenweise zum vollen Besitz seiner selbst, und wie in der Arbeit auf natür­liche Weise der Reiz dem Widerstreben folgt, so ersetzt in der Liebe die Keuschheit unmittelbar die Schlüpfrig­keit. Von jetzt an gebietet der Mensch, geheiligt in seinem sämmtlichen Vermögen, gebändigt von der Ar­beit, geadelt durch die Kunst, durchgeistigt von der Liebe, über Alles, was in seinem Wesen Produkt der Natur ist, wie über Alles, was aus der Vernunft und dem freien Willen kommt. Die Vernunft herrscht in der Veste der Leidenschaft und in Folge der Ver­nunft bekundet sich das Gleichgewicht: Heiterkeit und Freude."

Welche Erinnerung für das Herz eines Mannes, Hüter, Gefährte, Teilnehmer der Jungfräulichkeit eines Mädchens gewesen zu sein! Das Jahrhundert lächelt mitleidig über diese wahre Wollust. Der So­cialismus und die romantische Literatur haben unsere Generation frech gemacht, aber selbst jene erotischen