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Anter Haltung« blatt

Mr UMM Hessischen Zeitung.

J£ I I Sonntag den 18. März IS^K

Republikanische Iustän-e in Nordamerika.

Neuyork, 29. Januar. Die große Menschen­strömung von der überfüllten östlichen Halbkugel nach der menschenleeren westlichen wird von Jahr zu Jahr stärker. Nicht allein aus Europa vermehrt sich die Einwanderung fast täglich, nein, auch aus China und Indien landen Goldjäger an den Küsten Californiens, um von den Reichthümern zu ernten, welche dort immer noch in großer Menge gefunden werden. In unserm Hafen sind im letzten Jahre nach dem Berichte der Einwanderungskommission 189,176 Per­sonen gelandet, welche Kommunikations- und Hospital­gelder bezahlt haben. Davon kamen aus Irland 98,061, aus Deutschland 51,973 und aus anderen Ländern 39,142, also über 25,000 mehr, als 1847. Die in den übrigen Häsen Nordamerikas, Kanada mit inbegriffen, gelandeten europäischen Einwanderer über­schreiten zuverlässig die Zahl von 150,000, so daß die Gesammtzahl der Uebersiedelung fast eine Viertel-Mil­lion beträgt. Wie hoch wird erst die Zahl steigen, wenn das Goldfieber in dem Maße um sich greift, wie es hier schon wüthet. In diesem Augenblicke rüsten sich nicht weniger als 60 Schiffe zur Abfahrt nach Californien. Bei der bedeutenden Summe Geldes, welche der Hospitalfonds hiesiger Stadt von den landenden Einwanderern empfängt und welche sich im vorigen Jahre auf nahe an 200,000 Dollare be­laufen haben, könnte von Seiten der Stadt mehr für die armen Einwanderer geschehen, die leider wie das Vieh behandelt werden. Außer den zahllosen betrüge­rischen Mäklern und den nicht weniger habgierigen Wirthshauseigenthümern, welche, wenn sie die armen Ankömmlinge ausgesogen haben, sie verstoßen und ihrem Schicksale Preis geben, fallen diese einer un­

barmherzigen Polizei in die Hände. Bei einer am 23. d. M. vorgenommenm Untersuchung der Gefäng- nisse von Seiten des Großrichters ergab sich, daß von 746 Eingesperrten 742 ungesetzlich festgehalten waren. Richter Edmonds setzte sofort davon den Stadtrath in Kenntniß und erklärte, daß er dieselben am 24. in Freiheit setzen wolle. Bei eben dieser Untersuchung wurden elf Männer und elf Weiber nebst einer An­zahl Kinder in einem unterirdischen Loche, Theils auf faulem Stroh, Theils auf dem nackten Boden liegend, gefunden. In unserer Stadt, wo eine große Menge mittelloser Menschen aufgehäuft sind, ist es nichts seltenes, daß in verborgenen Winkeln oder bei Son­nenaufgang auf der Straße selbst die Leichname ver­hungerter unbekannter Menschen gefunden werden. Dieser Leichen bemächtigen sich dann die chirurgischen Anatomien, um sie zu secircn. Obgleich dieses an und für sich schon ein Schritt schreiender Ungerechtig­keit ist, da Niemandem ein Dispositionsrecht über einen solchen Leichnam zusteht, so würde dagegen doch weni­ger zu erinnern sein; was aber der Unmenschlichkeil die Krone aufsetzt, sind folgende Thatsachen: die ab- gelöseten Glieder dieser Leichname und die zerschnitte­nen Leiber werden nicht immer, wie dies doch eine Pflicht der Pietät gebietet, der Erde überliefert, nein, man wirft sie auf die Straße, gefräßigen Säuen, Hunden und Katzen zur Nahrung. Vor einigen Ta­gen ereignete sich ein höchst trauriger Fall, welcher diese unmenschliche Barbarei in ein sehr grelles Licht stellt. Es war die Leiche eines alten Mannes, der Abends spät auf der Straße hingesunken und in der Nacht gestorben war, nach der Anatomie gebracht worden, wo sie zerlegt wurde. Die Tochter des alten Mannes hatte die Rückkunft ihres Vaters die Nacht hindurch vergebens erwartet. Am nächsten Morgen