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einem ahnenden Vergnügen an ihrer einstigen Entwickelung hinglitt. Das »Pas mal« verstand sie nicht, auch wenn sie es gehört hätte, und Valentin hörte es nicht. Aber es war, wie der Bruder auch wahrnahm, seit dem kleinen Abenteuer, das ihn so zufrieden stellte, ein dunkler Schatten über die Stimmung Mariens gezogen. Vergebens drang er mit Fragen und Forschungen in sie; erst als er heftig wurde, sie der Launenhaftigkeit, der Theilnahmlosigkeit an seiner Freude beschuldigte, erst da brach sie in Thränen aus und sagte gebrochen:
„Was hilft es auch, daß ich es Dir mittheile? Du verstehst es nicht, Du glaubst es nicht."
— Geht's da hinaus, Marie? Also wiederum eine von Deinen Visionen, die Dich quält, ein Rückfall in Deine alte Kinder-Krankheit ? Pfui, Marie! —
Das Mädchen schüttelte schwer mit dem Kopfe; beide Hände hatte sie vor das blaffe, leidende Gesicht geschlagen, und durch die Finger quollen einzelne heiße Tropfen. Valentin erschrak, als er mit sanfter Gewalt ihre Hände an sich zu ziehen versuchte: aus dem feuchten Blick der Schwester schlug ihm wiederum jener unheimliche Seherglanz entgegen, der in früher Zeit so oft ihn und sie verfolgt hatte. Der Stern des sonst so klaren, milden Auges schien, größer geworden als gewöhnlich, in flackernder Gluth aus sich herauszubrennen. „Valentin", flisterte sic kaum hörbar, „ich muß es Dir sagen, weil ich es sehe, obgleich Du es nicht glaubst. Der Mann, Valentin, mit dem Du heute an der Schloßtreppe ein paar fremde Worte gewechselt hast, der Mann, den Du als Deinen Glücksboten in der großen Stadt betrachtest," —
— Nun, was ist mit dem Manne? —
„Er ist gezeichnet, Valentin."
— Das heißt in Deiner wunderlichen Sprache so viel wie: er wird keines natürlichen Todes sterben ? —
Marie nickte. „Er ist gezeichnet", wiederholte sie und versank in stilles Brüten. „Hüte Dich vor ihm, Valentin! Hüte Dich und — mich! "
Unverständlich verloren sich die letzten, kaum gehauchten Worte. Valentin war aufgesprungen und ging mit großen Schritten auf und nieder. Wenn er
an so manche räthselhafte Probe gedachte, welche er von der unheilvollen Gabe seiner Schwester erlebt, wenn er den furchtbaren Abschied aus dem älterlichen Hause, seine Flucht mit Marien, ihre gemeinsamen Irrfahrten sich vergegenwärtigte......... Zum Teufel, rief er zornig aus, was ist's denn weiter? Und wär' es so, wie Du sagst, was liegt in heutiger Zeit Wunderbares darin, daß ein General, ein Mann aus der Nähe des Kaisers, eines unnatürlichen Todes stirbt? —
Marie schüttelte wieder das Haupt; aber sie sprach nichts mehr, es war keine Silbe aus ihr berauszu- bringen. Unbeweglich saß sie da, eine Bildsäule ohne Blutwärme und Athemzug, ein Gefäß, zu schwach und zerbrechlich, um den Gährungen des darin verschlossenen Geistes zu widerstehen.
Es war ein unheimlicher Anblick, dem Bruder nicht neu, aber immer auf's Neue schrecklich. Behutsam trug er das arme Kind auf ihr hartes Lager, faßte in seine beiden Hände ihre kalten, starren Finger, und küßte sie zuweilen leise, leise auf die marmorbleiche, marmorkalte Stirn. So lag sie, bis der frühe Abend in das kleine Gemach zu dämmern begann.
Dieser frühe Abend entsprach, auch außerhalb des Dachzimmerleins im Goldenen Fäßchen, dem frühen Morgen gar wenig. Ein rauher Nordwind hatte sich aufgemacht und den Himmel mit dunklem, schnee- drohendem Gewölk umzogen. Unter seinem Hauche erlosch gar manches von den hellen, farbigen Lämpchen, womit zum Schlüsse des großen Festes die neue Königsstadt sich schmücken wollte. Es war, wie wenn ein finsterer Rachegeist, ein hessischer Rübezahl, aus dem Winterkasten herab höhnisch in die lange, leuchtende Zeile der Häuser und Straßen bliese und ein Licht nach dem andern auszulöschen drohte. Aber der treue Sinn der kaffeler Bürgerschaft ließ so leicht sich nicht ermüden; die Lämpchen wurden drei Mal, vier Mal, sechs Mal wieder angezündet und gehörig nach dem Winde gekehrt, die lange vorbereiteten Transparente herausgeholt, aufgestellt vor dem Fenster und über der Thüre, und bald schlug der blasse Wider-