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Drei Kapitel aus Dmgelstedt's Roman:

Sieben Jahre.

(Fortsetzung.)

An der Schloßtreppe standen seit neun Uhr Mor­gens, mit bloßen Nacken und Armen, jene gewissen unausweichlichen weißgekleideten Jungfrauen, ste­hende Figuren in solchen Gemälden, in jeder Schule dieselben vom Anfang der absoluten Monarchie bis zum Ende der relativen Republik, rührende Alle- gorieen der städtischen Unschuld mit knieschlotternder Angst und herzklopfender Langeweile, je nach der Jah­reszeit in heilsamem Schweiß oder gelindem Zähne­klappern befangen, Blumen streuend, die in den zit­ternden Händen längst verwelkt sind, und Gedichte stotternd, die kein Mensch versteht, es sei denn der zornig von fern stehende Verfasser. Ein günstiges Ungefähr trug in die Nähe dieser schönen Fulda- Kinder, unmittelbar an die Säulen am Eingang des Schlosses, unsern Valentin. Zwar sah er weder den König, noch die Königin, welche von Rosen und Ver­sen versolgt, langsam die breite Staatstreppe hinan­stiegen, dafür hatte er aber, es gibt noch Ahnun­gen in der Welt, das ersehnte Abenteuer, gesehen zu werden. Einer von den Generälen aus des Kö­nigs Gefolge, der länger, als unumgänglich nöthig gewesen, unter den Weißgekleideten sich umschaute ünd erging, streifte zufällig mit einem Blicke den Waghals, welcher so weit vorgedrungen war. Valentin fing hastig den Blick auf und grüßte tief, jedoch mit der Miene eines guten, alten Bekannten. Der General, es war richtig Mono, nahte und rief hinüber: »Tiens, tiens, voila encore mon guide!« Oui, mon général , klang es keck zurück, le voilâ, partout

et toujours â vos ordres. Der General trat um einen Schritt näher, durch das erstaunt zurückweichende Volk und musterte das blasse stumme Mädchen an Valentin's Hand.Cest donc votre soeur? fragte er. Cest eile.Pas mal; â revoir, mon ami.^ Jenes murmelnd, dieses laut hinzusetzend, eilte der General zurück und verschwand im Gefolge des Königs. Alle Zeugen dieses kurzen Auftritts, die mit maßlosem Erstaunen gehört hatten, wie ein französischer General den vorlauten Burschen seinen Freund geheißen und sogar mit ihm parlirt hatte, machten dem nun über­glücklich davoneilenden Helden und seiner Begleiterin willig Raum; selbst auf Mephisto fiel ein Theil dieser Ehre zurück, ungetreten schlüpfte er unter den Füßen der Menge durch, seinem Herrscherpaare nach, in die bereits wohlbekannte Straße zumGoldenen Fäßchen".

Glücklich wie ein König, setzte sich Valentin zu seinen Salzkartoffeln nieder. Glücklicher vielleicht, als der König, welcher um einige Stunden später, um vier Uhr, an der wohlbesetzten Hof- und Gala-Tafel den Ehren-Platz einnahm. Wir kennen die entzünd­liche Einbildungskraft unseres jungen Freundes genug, um zu wissen, daß ein unbedeutender Funke sie zu hochlodernden Freudenfeuern Hinriß. Die flüchtige Begegnung mit General Mono gestaltete sich für sie zu einem festen Punkte, woran die schönsten, golden­sten Fäden seiner Zukunft auf's Neue mit der Schnel­ligkeit und Zähigkeit der emsigen Spinne angeheftet wurden. Nicht so Marie. Sie hielt sich noch stiller, als ihre gewöhnliche Art war. Hatte der Raubvogel­blick, welchen der Franzose aus das Mädchen heftete, sie scheu gemacht? Die unschuldige Taube deutete oder bemerkte diesen Blick nicht einmal, welcher über die eckigen herben Züge und Formen des Kindes mit