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Endlich, endlich ging sie dann auf, die Sonne die­ses großen Tages. Zuerst, wie gebührlich, die natür­liche: hell aber bleich stieg sie über dem scharf abge­schnittenen Bergrücken des Meißner empor und warf einen matt lächelnden Blick auf die Stadt, auf den großen, mit Menschen bereits gefüllten Friedrichsplatz, auf die von Köpfen wimmelnden Umgebungen und Zugänge zur königlichen Residenz. Die feierlich weiße Schneedecke, welche eigens zu einem solchen Feste aus­gebreitet schien, erhöhte den Glanz des blaßblaucn, wolkenfreien Himmels und bildete, wie ein allzeit fer­tiger GelcgcnhcitSdichter sinnreich zu bemerken eilte, den erhabenen Zweiklang der westfälischen Farben, Weiß und Blau, sehr schön nach. Die hohen Bäume in der Au, obgleich blätterlos, standen doch wie im Sonntagskleidc da, gepudert über und über, und die ältesten unter ihnen, gelernte und gediente Hofleute, ermangelten nicht, als dieses Tages Sonne sie be­schien, eine öffentliche Zähre der Rührung zu weinen.

Es schlug acht, es schlug neun, es schlug zehn. Valentin rannte, wie ein toll gewordener Pendel, zwi­schen der Rennbahn und dem Goldenen Fäßchen hin und her; keiner der polnischen Lanzenreiter hätte schnel­ler von Minute zu Minute die Depeschen über die Tagesereignisse seinem General überbringen können, als Valentin sie der Schwester überbrachte. Um zehn Uhr stürzte er athemlos zu ihr hinein; eben war die Nobelgarde von zwanzig jungen Adeligen in rother landständischer Uniform, voran ihr Anführer, ein Graf Stolberg, die Königstraße hinaufgesprengt; sie, nebst hundert Mann von den polnischen Lanzenreitern, die vom Schlosse bis Wilhelmshöh Spalier bildeten, und die Schützen- und Ehrengarde, aus angesehenen Kauf­leuten und Bürgern zusammengesetzt, waren bestimmt, den Zug des Königs zu geleiten. Valentin, voll Un­geduld, voll Besorgniß, den rechten Moment zu ver­säumen, trieb die Schwester zur Eile und riß sie mit sich fort. Obgleich es Jedermann verboten war, die Straßen und Plätze, welche der Zug berühren würde, zu betreten, ohne amtliche Funktion bei demselben, so gelang cs unserem unternehmenden Freunde doch, seine ängstliche Begleiterin durch einen Umweg hier, einen

Rippenstoß da, von einem Schlupfwinkel zum andern, bis in den Hafen zu bugsiren, nahe dem Schlosse, wo beide, um mit des Helden Feldherrn-Worten zu reden, ihre Aufstellung nahmen. Manches Schimpf­wort begleitete sie, mancher Ausruf der Verwunderung, des Aergers über das abenteuerliche Paar, das, un­zertrennlich von einander, und von ihrem unverschäm­ten Pudel gefolgt, jedem Verbot zu trotzen schien. Freund Mephisto entging mit knapper Noth dem Lan­zenstich eines wüthenden Polacken, der, wie alle seine Landsleute an jenem Morgen, mit ausgesuchter Grob­heit gegen das deutsche „Pack" sich benahm, das sei­nen französischen Gebieter erwartete.

Die blasse Sonne stand beinahe in ihrem Zenith, als fünfzig Kanonenschüsse, das Geschmetter von vier und zwanzig Posthörnern, einfallendes Geläut von allen Thürmen, Trommelwirbel, Trompetenstöße, ver­wirrte Kommandorufe, dröhnende Hufschläge und die unaufhaltsam heranbrausende Fluth der Menschenwoge das Nahen des Zuges verkündete. Valentin berichtete dazu aus dem Programm: Jetzt ist er am Thore, — jetzt kriegt er vom Bürgermeister die Schlüssel der Stadt, — jetzt hält er unter dem Triumphbogen, — jetzt überreicht ihm der Oberschultheiß ein Gedicht.... hier entfiel ihm der Zettel. Fünfzig Lanciers mit flat­ternden Fähnlein, auf schweißtriefenden Rossen, — dann zwei Sechsspänner, darin die provisorischen Mi­nister, — „Der Jollivet Hat Spatgebä'", kreischt eine Druselstimme, — dann die Schützengarde, — dann endlose Vivats, geschwenkte Tücher, auffliegende Hüte und Mützen, — Präsentirt's G'wehr, Présentez les armes, — die Fahnen senken sich, das Spiel wird gerührt--— $

Der König!

Die Königin!

Ein mit Vergoldung und Zierrath überladener Prachtwagen, mit acht Pferden bespannt, drum herum und dicht dahinter zahllose General-Adjutanten und Oberhof-Chargen, starrend von kriegerischem Schmucke und adeliger Pracht, die rothen Uniformen der Nobel­garde, und dann in endlosem Zuge die berittenen Kasseler Bürger, eine Reihe sechsspänniger Hofwagen