Einzelbild herunterladen
 

34 —

sen ersten Schritten, womit ich einzelne Gestalten und Bilder aus dem Ganzen versuchsweise an das prüfende Tageslicht und seine unbestechliche Beleuchtung hinaus­trage. Ist darum zu befürchten, daß dieß Ganze ge­ringer, werthloser und welker sich darstellen werde, als manche frühere, mit beneidenswerthem Leichtsinne hin- ausgeschleudcrtc und mit ebenso beneidenswerthem Glück aufgenommene Skizze? Die Hand auf's Herz, ich glaub' es nicht; der Leser entscheide, ebenfalls die Hand auf's Herz. — Stuttgart, 25. Januar 1849.

Franz Dingelstedt.

S o n neu- 91 ufga it g. *)

Thrift, thrift, Horatio! The funeral baked meats Did coldly furnish forth the marriage tables.

S h a k s p é a r e.

So lang war Valentin noch keine Nacht geworden, als die lange Mitternacht zwischen dem neunten und zehn­ten December. Tags zuvor hatte er einen vergeblichen Versuch gemacht, auf Wilhelmshöh, von fern wenig­stens, der neuen Sonne in's Angesicht zu schauen, deren Aufgang der erwartungsvollen Hauptstadt be­vorstand. Der König, am siebenten December Mor­gens oben cingctroffcn, hatte gleich nach seiner An­kunft, so erzählte man sich in Kassel, den winterlichen Park durchirrt und war sogar hinaufgestiegen bis in die Keule des großen Christoffel; die Wasser mußten springen, das Schloß festlich sich auf- und anthun. Aber außer für die befohlenen Großwürdenträger der Krone war die Majestät noch für Niemanden sichtbar gewesen. Natürlich auch für den armen Valentin nicht, welcher, von den Schildwachen in der Nähe des Schlos­ses zurückgewiesen, die gelichteten Räume und Bäume des großen, dünn verschneiten Gartens mit gleicher Ungeduld und Spannung durchstürmte, wie der jüngst angekommene, lachende Erbe, der mit raschem Blick und hastigem Griff von allen diesen Herrlichkeiten Besitz nehmen zu wollen schien.

*) Des ersten Buches sechstes Kapitel.

Valentin erzählte einstweilen der still aufhorchenden Schwester Wunderdinge vom Aquädukt und der Teu­felsbrücke, von der prachtvollen Front des Palastes und den ländlichen Hütten im Walde, von der grauen Zinne der Löwenburg und dem mährchenhaften $3un? derbau des Oktogon. Er tapezierte die Wände des erbärmlichen Dachzimmers im „Goldenen Fäßchen" mit hellen Zukunftsbildern und zündete — viel, viel früher wie die gute und getreue Stadt Kassel ihre Illumination zu Ehren des Königs — die brennenden Lichter seiner Phantasie an, um Marien eine aufhei- ternde Fernsicht in ihr unvermeidliches Glück über der trüben Gegenwart aufzurichten. Mit solchen Gesprä­chen hielten die Geschwister sich wach, bis spät in jene Nacht des Neunten hinein, während der Mond mitleidig lächelnd durch die halb-gefrorenen Scheiben in ihre Zukunftsbilder blickte, und Mephisto, zu Füßen seiner Herrin unruhig hingestreckt, durch zeitweiliges Knurren und Winseln zu verstehen gab, wie seine Träume minder heiterer Natur seien.

Der Morgen graute noch nicht, als Valentin sich leise erhob, den Hund zur Ruhe wiukte, rasch in die Kleider fuhr und wie ein Schatten die Treppe hinab­glitt. Es litt ihn nimmer daheim; er mußte hinaus, mußte die brennende Stirn in die kühle Winterfrische tauchen, den Stunden entgegeneilen, die vor ihm träge zurückzuweichen schienen. Je weiter er auf seinem Wege von der Karlshafer Straße, technisch Karsteualsgaß ge­heißen, in den Mittelpunkt der eigentlichen Residenz gelangte, um so lebendiger wurde es, trotz der frühen Zeit, in den Häusern, auf den Straßen und Plätzen. Die bisher so ruhige, stille Stadt theilte das allge­meine Erwartungsfieber; hastig wurden die Fenster­läden, gleichsam die Augen der Häuser, aufgerissen, Thüren schlugen, Nachbarn grüßten einander und mahn­ten zur Eile, in den Kasernen rasselte die Trommel, neugierige Gruppen, wachsend mit jeder Sekunde, sam­melten sich, einzelne Staatsuniformen von unglaublicher Gestalt irrten fröstelnd dahin, den Mantel fester zu­sammenziehend, wenn ein lustiger Zugwind die scive- nen Waden streifte oder die kecken Spitzen des Drei­masters neckisch schüttelte.