Einzelbild herunterladen
 

Unterhaltung« blatt

zur Neuen Hessischen Zeitung»

â 9. Somitag den L. März 1849.

Drei Kapitel aus Dmgelstedt'S Roman:

Sieben Jahre.

Vorwort.

Dem Wunsche des befreundeten Herausgebers dieser Blätter Folge leistend, theile ich demselben zu beliebiger Veröffentlichung drei Bruchstücke aus meinem, seit Jahr und Tag angekündigtenwestfälischen" Romane mit. Meinetwegen mögen die abgerissenen Blätter für Noah's- Tauben genommen werden, ausgesendet, um zu erkun­den, ob die großen Wasser hinlänglich sich verlaufen haben, so daß für die Dichtung eine feste Scholle zu grünem Anbau wieder möglich geworden ist. Das Ganze, seit geraumer Zeit fertig bis auf eine letzte Ueberarbeitung der Form, in welcher ich dem eigenen Gefühl schwerer als fremdem Urtheil zu genügen pflege, wird deßungeachtet auf seine Erscheinung teilnehmende Freunde immer noch ein Weniges warten lassen. Früher hielt mich von rascher und voller Ausgabe eine vielleicht übertriebene Bedenklichkeit ab; ich wollte das mit Liebe und Fleiß gehegte Werk vieler Jahre einer persönlichen Ungunst und augenblicklichen Verstimmung gegen den Verfasser nicht überantworten. In diesen Zweifeln und so zu sagen mitten in der letzten Arbeitsnacht überraschte mich die Morgenröthe einer großen Revolution: sicher nicht der rechte Hintergrund für ein geschichtliches Ge­mälde, wie ich cs zusammengestellt und ausgeführt habe. Zudem mußte es durch eine wunderliche Fügung des Schicksals, romanhafter als mein Roman, sich begeben, daß eben durch jene Revolution die Gestalten der Na- poleoniden, unter ihnen auch mein König Jerome, auf einmal handelnd und lebendig auf der Weltbühne wie­der auftraten, nachdem wir sie als unser gutes Eigen­thum für die Dichtkunst vollkommen gewonnen, d. h. für die Wirklichkeit vollkommen beseitigt geglaubt hatten.

Weit entfernt, in diesem Umstande eine Förderung mei­ner künstlerischen Zwecke und Mittel zu erkennen, fühlte ich diese vielmehr in unbequemster Weise gestört und verwirrt; es ist um im allerneuesten Jargon der politischen Tribüne zu reden die ganze Tragweite meiner Erfindungen verändert, das so unendlich wichtige und demnach mit größter Gewissenhaftigkeit zu bestim­mende Verhältniß zwischen Wahrheit und Dichtung gründ­lich verrückt worden. So haben im Laufe weniger Jahre nicht nur die allgemeinen Bedingungen der Kunst, nicht nur die großen Weltzustände und Zeitfragen, sondern auch die einzelnen Standpunkte innerhalb und außerhalb meines Romans, die persönlichen Beziehungen des Ver­fassers zum Publikum und zur Kritik einen dergestalt durchgreifenden Wechsel erlitten, daß ein unbefangenes Urtheil mich der Ziererei und absichtsvollen Zurückhal­tung mit demselben nicht beschuldigen wird. Diejenigen Schriftsteller, welche über sich und ihren Beruf zur Klar­heit gekommen sind, werden mich verstehen, wenn ich überhaupt eine gewisse, mit jedem Buche wachsende Zag- samkeit und innere Scheu vor dem literarischen Markte offen bekenne. Jene glückliche Naivetät und Sorglosig­keit, womit wir im Flügclkleide vor das Publikum eilen, jungen Mädchen vergleichbar, welche die Stunde des ersten Balles nicht erwarten können, sie weicht, je ern­stere Ansprüche wir selbst im Namen der Welt und der Kunst an uns stellen, einer zögernden, mit sich selbst niemals zufriedenen und durch keinen Erfolg gelösten Befangenheit. Ich hoffe nicht, daß diese dem Leser im Buche selbst fühlbar und lästig sein wird, wie auch ich in den alle Zweifel und alle Mühen überschwänglich lohnenden Stunden des Schaffens sie immer fest und glücklich überwunden habe; aber sie begleitet mich, so oft ich an die letzte Förderung meines Werkes Hand anlegen und der Nichts zurückgebenden Presse es über­liefern will. Ja, sie verläßt mich nicht einmal bei die-