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Unterhaltungsblatt

zur Neuem Hessischen Zeitung.

M 8. Sonntag den 2S. Februar H8âN.

Blätter aus meinem Reisetagebuche.

Von E. v. H.

Die Strafanstalt zu München.

Am Ende der prächtigen Königsstadt München liegt ein ehemaliges Kloster, in welchem die Straf­anstalt errichtet ist, die sich seit 1842 unter der Lei­tung des Regierungsraths Obermeier befindet. Beim Eintritt in sein Empfangzimmer erblickten wir zuerst das Bild des Königs Ludwig in Lebensgröße, des Gründers und Erhalters dieser Stiftung. Von dem würdigen Vorstand geführt, besuchten wir die reinli­chen Säle der Anstalt, wo überall die Gefangenen mit ihrer Arbeit beschäftigt, friedlich neben einander saßen. Sic waren Alle sauber und zweckmäßig mit grauen Röcken bekleidet, trugen weiße reine Wäsche und Holzschuhe, ihre Farbe war gesund, ganz ver­schieden von dem gewöhnlichen graubleichen Teint der Gesangerlen, und der freie kühne Blick ihres Auges bekundete mächtige Eigenschaften des Charakters, die irregeleitet zum Verbrechen führten. Es waren an 600 männliche Verbrecher, unter ihnen Räuber und Mörder. Regierungsrath Obermeier begleitete uns in alle Säle; die Blicke der Unglücklichen richteten |t$ auf ihn, und dann flog ein flüchtiger Sonnen­schein über ihre düstern Züge. Er sprach mit Jedem, erkundigte sich nach dem Befinden der Kranken, lobte und tadelte ihre Arbeit.Es sind alle meine Kin­der", sagte er,ich kenne den Körper- und Seelen­zustand eines Jeden unter ihnen. Mein Vorgänger ging nie unter sie, ohne mit Pistole, Hirschfänger und Säbel versehen zu sein, zwei Doggen und zwei Knechte an seiner Seite. Ich habe das nicht nöthig; die

ganze Einrichtung der Anstalt, voller Menschlichkeit und Liebe, erweicht die verstockten Herzen der Ver­brecher und macht sie fähig, den Samen des Guten wieder in sich aufzunehmen. Auch im größten Ver­brecher liegt Befferungsfähigkeit, weil er ein Mensch ist, für den Jesus Christus starb." Der Erfolg entsprach vollkommen den Bemühungen Obermeiers. In den Jahren 1843, 1844 und 1845 wurden aus dieser Anstalt 298 Büßer entlassen, wovon 246 sich als vollkommen gute moralische Menschen in der Welt betragen, 12 wurden leider rückfällig und die übrigen 8 sind gestorben. Von den Gebesserten waren 189 wegen Mord, Todtschlag, Straßenraub und Diebstahl verurtheilt worden. Bei aller Milde und Liebe, die Obermeier anwendet, wird er doch mit der größten Ehrfurcht behandelt. Die überall hingestellten Aufseher grüßen ihn wie ihren König, wenn er vor­beigeht. Es fehlt in dem alten Klostergebäude an Raum, darum müssen die Arbeitssäle zugleich zum Schlafen dienen; dennoch herrscht darin vollkommen reine Luft, die durch die vielen geöffneten Fenster immer erneuert wird. In jedem Schlafsaal schläft ein Aufseher und des Nachts sowohl wie bei der Ar­beit müssen die Büßer tiefes Schweigen beobachten; desto mehr erfreuen sie sich in den- und Freistun­den der Rede, aber auch dann muß der Aufseher streng darüber wachen, daß die Grenzen der Ord­nung nicht überschritten werden; auch kein unsittliches Wort wird geduldet und kommt nach der Versicherung des Vorstandes gar nicht mehr vor. Jeder Gefan­gene wird nach dem Grade seiner Bildung mit guten Büchern versehen, deren Vertheilung durch den Vor­stand allein geschieht. Niemand anders darf Bücher, Zeitungsblätter u. dgl. unter die Büßer vertheilen.