Unterhaltungsblatt
ME Rmm HeMfcheN Zertung.
M 7. Sonntag den 18. Februar 18^9.
Laternen-Unglück.
Die Frau Hofräthin und die Frau Kanzleiräthin waren Freundinnen, wie man sie in der jetzigen verderbten Welt wenig mehr findet. Sie kannten sich schon lange, lange Jahre hindurch, und hatten sich ordentlich in einander hineingelebt, ja ihre Neigungen und kleinen Liebhabereien waren dieselben geworden. Die Hofräthin z. B. konnte keine Stockfische in brauner Sauce vertragen, und der Kanzleirathin war er deßhalb ein Gräuel. Der grünen Farbe an Kleidungsstücken waren sie stillschweigend übereingekommen, sich nicht mehr zu bedienen, und auf diese Art zeigten sich die irdischen Hüllen dieser gleichgestimmten Seelen ebenfalls fast beständig in schönster Harmonie. Von Charakter war die Hofräthin etwas stolzer als die Kanzleiräthin, und namentlich betrachtete sie ihren Titel, weil derselbe mit dem Hof zusammen hing, für vornehmer, und es hatte der Kanzleiräthin viele Mühe gekostet, ihr diesen Gedanken zu benehmen.
„Liebe Hofräthin," sprach sie, „wenn Du in der Rangliste nachsehen willst, so sind wir Beide in der siebenten Klasse."
„Aber," fiel ihr die Hofräthin hier in's Wort, „Dit mußt nicht vergessen, daß in dieser Rangklasse der Hofrath nach den Hofärzten kommt, dann der Hütten- und Salinen-Verwalter, die Kanzleibirektoren bei den zweien nicht genannten Landeskollegien, und dann erst der Kanzleirath."
Die Kanzleiräthin lächelte und meinte, der Hofrath sei ein leerer Titel; denn sie möge nur einen einzigen Fall bezeichnen, wo ihr Mann bei Hof einen Rath gegeben habe; dagegen müsse auf der Kanzlei ihr Mann beständig rathen. Eine Zeitlang war dieser
Rangstreit eine gefährliche Klippe in der Freundschaft; doch nachdem sie glücklich umschifft war, fuhren sie einträchtig neben einander her auf dem ruhigen Wasser des täglichen Familienlebens. Die beiden Familien wohnten auf dem gleichen Stockwerk, die Zimmer, wo sie speisten, waren nur durch eine dünne Wand geschieden, und Mittags klopfte die Kanzleiräthin mit ihrem Messer an die Wand und rief hinüber: „Guten Appetit, Hofräthin," und dumpf schallte es herüber: „Danke, schmeckt's, Kanzleiräthin?"
Ein Mal hätte es in dieser Freundschaft beinahe eine gefährliche Spaltung geben können, weil der Kanzleirath, ein alter mürrischer Geselle, es für unnöthig fand, daß die Frauen sich den Titel ihres Mannes beilegen. Merkwürdiger Weise war die Hofräthin mit ihm einverstanden und nur die heftige Opposition des Hofraths und der Kanzleiräthin rettete den Staat; doch setzte es der Kanzleirath durch, daß die Titel künftig Frau Hofrath und Frau Kanzleirath waren.
Im königlichen Hoftheater hatten die beiden Damen mit vier und zwanzig andern Frauen ein Abonnement in einer Loge zu sechs Personen. Es war so eingerichtet, daß sie ihre beiden Billets auf einen Tag bekamen. Da saßen sie nun zusammen und ergötzten sich allgemein, sowohl an den schönen Stücken, die hätten gegeben werden können, als an den Toiletten der andern weiblichen Zuschauerinnen. In den Zwischenakten wurden Aepfel und Nüsse verspeist, für welche abwechselnd die Eine oder die Andere sorgen mußte, bei den geraden Nummern der Theaterabende die Frau Hofrath, bei den ungeraden die Frau Kanzleirath. Ein Mal im Jahr wurden diese Tage gewechselt, damit nicht immer eine und dieselbe an den geraden oder ungeraden Nummern zu sorgen hatte. So saßen sie