Unterhaltungsblatt
zur Neuen Hessischen. Zeitung»
^§ !♦ Sonntag den 7. Januar 18^9*
Die Dräsi-entenwahl
in den Vereinigten-Staaten.
Die Wahl des Präsidenten ist ein Akt von so hoher Wichtigkeit für die Bürger der Vereinigten - Staaten, daß sie Aller Gemüther ausschließlich beschäftigt und Handel und Gewerbe in ihrem Gang einigermaßen hemmt. In allen Gesellschaften, bei Tische, bei Spaziergängen bildet diese bedeutungsvolle Frage den Gegenstand der Unterhaltung, und dient zuweilen sogar in den Kirchen den Predigern als Tert, die, nicht damit zufrieden, Gottes Diener zu sein, ihre Beredtsamkeit auch dem Dienste weltlicher Interessen weihen.
An öffentlichen Orten, auf der Eisenbahn, am Bord der Dampfschiffe drehen sich alle Gespräche um die Präsidentenwahl, und begegnen sich zwei Personen auf der Straße, so ist unfehlbar das erste Wort, das der Eine an den Andern, wenn nicht Beide zugleich aneinander richten, die Frage:
Well! what do you think of thc election? (Nun, was halten Sie von der Wahl?)
Obgleich das Volk der Vereinigten - Staaten säst täglich zur Abgabe von Stimmen in die Wahlurne aufgefordert wird, da die Besetzung der meisten öffentlichen Aemter durch Wahlen geschieht, so zeigt es dennoch stets eine gewisse Ungeduld in der Ausübung seiner Herrschaft. Wenn es sich aber darum handelt, einen Präsidenten zu wählen, so tritt diese Ungeduld ganz besonders hervor, denn das Volk weiß, von welcher Bedeutung das Resultat einer solchen Wahl für die Angelegenheiten des Landes ist, die nun während vier Jahren unter der Leitung der siegenden Partei stehen werden. Die Führer der verschiedenen Parteien bieten alle ihre Kräfte auf, um sich den Sieg zu erkämpfen.
Wenn man die ungeheuren Vorbereitungen zu diesem Wahlkampfe, die furchtbare Rüstung der Parteien, die unermüdliche Energie der Kandidaten, die Begeisterung ihrer Anhängnr betrachtet, sollte man sich an den Vorabend irgend einer großen Revolution versetzt glauben. Sobald indessen die Wahl des Präsidenten wirklich erfolgt ist, so verschwindet all' dieses unruhige Treiben wie durch einen Zauberschlag; der aus den Ufern getretene Strom fließt friedlich in sein Bett zurück. Denn wenn irgend ein Volk der Erde die Majorität ehrt, so ist es sicherlich das der Vereinigten-Staaten. Diese achtungsvolle Anerkennung der siegreichen Majorität von Seiten der Minorität sichert natürlicher Weise der ersteren eine unbedingte Gewalt, und hierin liegt die Erklärung der verzweifelten Anstrengungen der Parteien, diese Allgewalt zu erlangen. Schon mit dem Anfang des vierten Jahres der Präsidentschaft zeigt sich in den Hauptstädten der Vereinigten - Staaten eine große Gährung, die sich nach und nach über alle einzelnen Bundesstaaten verbreitet, bis sie auch die Gemüther der Landbewohner ergriffen, und vier oder fünf Monate vor dem entscheidenden Tag beginnen bereits die verschiedenen Parteien ihre Kräfte zu prüfen und in Erwartung des bevorstehenden allgemeinen Wahlstreites sich gegenseitig schon in einzelne Scharmützel einzulassen.
Ursprünglich bestanden nur zwei Parteien in den Vereinigten-Staaten: die föderalistische und die demokratische. Diese beiden Parteien haben sich jedoch seither sehr verzweigt, und zwar in Folge der so bedeutenden Entwickelung des Handels und der Gewerbe, indem das gewerbliche Interesse fast immer den Ausschlag für die Betheiligung am politischen Interesse gibt. Ein einziges Beispiel wird hinreichen, um die Wahrheit dieser Behauptung darzuthun. Bei den letz-