Einzelbild herunterladen
 

— 100 —

um nach dem Eurigen selbst zu schauen. Dir sähe so ein dalketer Streich ganz gleich, aber Deine Fran be­greif' ich, weiß Gott, nicht. Du meinst am End', wir lägen hier auf Rosen, oder Du könntest Belagerungs- Bilder nach Augsburg schreiben. Bild Dir so was nicht ein. Du hast keine Idee, waS das hier für eine Wirthschaft ist. Wenn ich nicht diesen Brief über Prag sicher an Dich befördern zu können wüßte, ich würde mich wohl hüten, ihn auf die Post zu werfen. Wir leben in d e r Hinsicht, und in mancher anderen, wie unter Corporal Sedlnitzky's seligern Stocke. Nur daß das schwarze Kabinct, von dem man damals höchstens en petit oomite sprach, jetzt ganz offen auf der Gasse ausgeschlagen rvird. Daß ein Brief verloren geht, wie's heißt, ist keine Seltenheit, und daß er um fünf Tage zu spät ankommt, in der Regel. Wie es mit den Zei­tungen steht, siehst Du aus den, die hinauskommen. Es traut sich Keiner, die Wahrheit, nichts wie die Wahrheit, die ganze Wahrheit zu schreiben. Die Jour­nalistin so gut, wie die ReichStagler sind förmlich terro- risirt. Die Augsburgerin haben sie in fast allen Casee'S verboten, sie darf nimmer austiegen, weil sie Briefe von .....gebracht hat. Woher der Verfasser so bald erkannt wurde? Wer wird so unschuldig fragen?

Auf den Gassen ist alle Tag Sonntag. Kein Ge- wölb ist offen, oder wenn hie und da einS aufgesperrt wird, so gefchieht'S auf Befehl, aus Furcht. Ein Fiacrepferd ist ein Menageriestück an Rarität geworden. Unser alter Peppi in der Singerstraße versicherte mir, er hätte seinen ganzen Stall geflüchtet, weil er seine Gäule nicht von den .... gefressen sehen wollte. So arg ist's nun mit uns noch nicht; wir machen in der Stadt Frankfurt noch dann und wann ein hübsches Diner, freilich keinen Schatten von denen vom letzten Winter und so einem früheren. Eduard *) hat und neulich zu einem „Girondisten-Banguet" eingeladen. Wir fangen das inourir pour la patrie etc. , während unten auf dem Mehlmarkte die Marseillaise gebrüllt wurde, da­zwischen, wie eine scheußliche Ironie: Gott erhalte unsern Kaiser. Von solchen Auftritten hast du denn doch kei­nen Begriff. Einen Zwanziger hab' ich seit mindestens vierzehn Tagen nicht gesehen. Die Guldennoten wer­den in zwei, drei Theile geschnitten, und diese stellen Silber vor; uns ist daS nichts Neues, aber wenn'S ein Fremder zum ersten Male sieht, macht er wunderliche Augen. Davon, daß an der Börse Geschäfte gemacht würden, andere wie scheinbare Notirung, habe ich seit dem 6. nichts gehört. Die meisten großen Häuser sind geschlossen, die Herren auf und davon. Ischl, woher Dessauer geschrieben hat, Linz, Gmunden am See , die ganze Salzkammergutgegend wimmelt von Flüchtigen. Auch Theodor **) hat sich dort herum wieder aufgefun­

den, nachdem wir seinetwegen lange in der größten Angst geschwebt. Es hieß, er habe sich selbst um­gebracht; waS Helene*) dabei ausgestanden, könnt Ihr Euch denken. Vor einigen Tagen, so lang die Passage noch frei war, fuhr die Eisenbahn nach Prag nicht unter 60 Waggons. Sie brauchten oft24Stun- nen und drüber, eh' sie hinkamen. Unterwegs nichts zu beißen, nichts zu brechen. Wie man ging und stand, ohne Wäsche und Kleider, stürzte Alles fort. Gepäck wurde nicht mehr hinausgelassen. Eine Menge Leute sind wider Willen dageblieben, weil sie keine Pferde bis zur nächsten Station bekamen. Dieß „Rennen, Retten, Flüchten" hat mich nach altem Wiener Ausdruck gegif­tet; mit jedem ehrlichen Manne, der draußen ist, steigt die Gefahr der Zurückgebliebenen. Den Windischgrâtz, den Jellachich, den Auersperg fürchte ich lang nicht so für Wien, wie die Vorstädte. Die akademische Legion ist ihrer Auflösung nahe. Studenten waren schon lang keine mehr drin; die meisten sind gleich um Ostern von ihren Alten heimgerufen. Was blieb, waren Barbiere, die meisten davon Ungarn, Techniker, und so allerlei Volk, das über Nacht kam und jetzt bei Tag verschwindet. Ein paar von den Vorstädten sind gut, die Leopoldstadt z. B., auch Landstraße; aber Wieden, Laimgrube, Lerchenfeld rc. desto schlechter. Käm's zum Treffen, was ich übrigens nicht glaube, so würde ich mehr gegen das Bajonett meines Hintermanns auf der Hut sein, als gegen die Kartätschen der Soldaten. Von dem Lager bei Belvedere erzählt man sich daS Unglaub­lichste. ES schmilzt mit jeder Stunde zusammen, theils durch Desertion, theils durch Transport in das nahe Krankenhaus. Herr v. Messenhauser, unser Lafayette (ohne Schimmel) ist seines eigenen Lebens nimmer ge- wiß. Eine solche Unzucht sei feit Sodom nicht mehr zu sehen gewesen. Ich mag nicht hinaus, mich widert's an. Die Auersperger haben's arg genug droben ge­trieben, wenn'S wahr ist, aber ihre Nachfolger über­treffen sie bei Weitem.

Wo das Alles hinaus soll ? Ich gebe die Hoffnung auf daS Bessere, ja Beste nicht auf. Du weißt, ich war immer so ein Eremplar von politischem Sangui- nikus, und ich bin's noch, wie dunkel sich auch in der Nähe und Ferne für unser armeS Wien Alles an­läßt. Die Freiheit hat hier eine Menge Koth und Schlamm aufgeworfen, der viel verschlingt, aber den Strom selbst nicht dämmen, sondern nur vorübergehend trüben kann. Sind wir über die nächste Katastrophe hinaus, so ist, will's Gott, das Schlimmste überstanden. Vielleicht kriegen wir ein Stück von 93, eine SchreckenS- und Pöbelherrschast auf kurze Zeit zu schlucken; aber wir werden, hoffentlich ohne ins andere Ertrem zu fal­len, ihrer mächtig werden" rc.

*) Herr v. Bauernseld ist gemeint.

M) Der ehemalige Minister Hornbostl.

*) Frau Hornbostl.

Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck und Verlag von Th. Fischer in Cassel.