Einzelbild herunterladen
 

Unterhaltungsblatt

zur Neuen »Hessischen Zeitung.

^ 25. Sonntag, den 17 December. 1848.

Eine politische Komödie.

Paris, den 28. November.

Bei meiner Abreise hatte ich Ihnen versprochen, dann und wann von hier ans einen Artikel zu liefern- Mein Versprechen habe ich nicht vergessen, aber, Ver­ehrtester , Sie schreiben ein politisches Blatt, und Politisches hat sich nicht zugetragen in den 8 Wochen meines Hierseins. Unpolitisches und leider noch Schlim­meres gibt es schon genug in Deutschland. Freilich hätte ich Sie und Ihre Leser bekannt machen können mit den babylonischen Begriffsverwirrungen dieser so­genannten Republik, wo man auch nach aufgehobenem Belagerungszustände immer in der Gefahr lebt, stand­rechtlich behandelt zu werden, seitdem der Cassationshof höchstinstanzlich entschieden hat, daß dieser behaglicheZustand, der jetzt wie alle Pariser Moden seine Rundreise durch Europa macht, un fait préexistant ä sa déclaration sei, und wo man, nicht zufrieden mit dem Nestchen von Freiheit, daS aus dem Schiffbruche der Revolution ge­rettet worden ist, alles Ernstes daran denkt, das Possen­spiel einer kaiserlichen Präsidentschaft aufzuführen. Auch hätte ich Ihnen wohl ein Bildchen malen können von der welthistorischen Sitzung der Nationalversammlung vom 24. d. Mtè., in welcher ein tapferer General und ein geistreicher Volkstribun bewiesen haben, daß man auch in die soldatische Derbheit und in die populäre Einfachheit jene alte diplomatische Feinheit übertragen kann, Dasjenige zu verschweigen, was man nicht sagen will. Aber all das ist gar zu unerquicklich und man thut am besten, darüber zu lachen, wie es die Pariser thun, in der sicheren Erwartung, daß binnen hier und 4 Wochen doch eine neue Revolution losbricht, wo daS Lachen sich von selbst für einige Zeit legen wird. Wenn ich zurückkomme, bringe ich einen Stoß Carricaturen mit, der eS Ihnen ad oculos demonstriren soll, warum man hier viel lieber vor einem Bilderladen, als vor einer Rednerbühne steht. Inzwischen folgen Sie mir in

das Theater, und weil eS denn doch einmal sein muß in ein politisches. Ich hoffe, Sie können es vor Ihrem Redactorengewissen verantworten. Wo nicht, so geben Sie meinen Bericht an Ihr Unterhaltungsblatt ab; ganz so langweilig wie ein kasfeler Sonntagnach- miltag wird er ja wohl nicht sein. Wir gehen zusam­men ins Vaudeville, wo man heute zum ersten Mal »la propriété cest le voU gibt. Daß es Herrn Proudhon gilt, verräth Ihnen schon der Titel, und damit ist Ihnen zugleich der Beweis geliefert, daß von den verschiedenen Gerechtigkeiten zum wenigsten die poe­tische noch eristirt. Denn hat Herr Proudhon neulich seinen Collegen Volksrepräsentanten, den Schauspiel­dichter Felir Pyat, der sich darüber beklagte, im Peuple ein Aristokrat genannt worden zu sein, im Vorsaal der Nationalversammlung aufs Haupt geschlagen, so schla­gen heute die Vaudevilledichter, von denen der eine Pseudonymuö der Minister Vaurlabelle ist, eben so hand­greiflich, wenn auch nicht mit geballter Faust, auf ihn. Das Stück besteht aus 7 Bildern oder Scenen , von denen die erste im Paradise vor sich geht. Da haben Sie schon den Gegensatz zwischen Republik und König­thum. Zu Ludwig des XIV. Zeiten spielte man Raci- ne's Nero in Glacehandschuhen, heute sind Vater Adam und Mutter Eva ganz classisch, d. h. erschrecken Sie nicht vom Kopf bis zur Sohle in einen großen Tri­cotstrumpf mit den nothwendigsten Zuthaten von Feigen­blättern und Thierfellen gekleidet. Aber an diese Clas- sicität sind die Pariser schon gewöhnt; daS amüsirt sie nicht; ihr unendliches Gelächter platzt erst loS, wenn die Schlange auftritt oder, besser gesagt, aufkriecht, mit einem Kopfe, der frappant Herrn Proudhon gleicht. Adam hat schon ganz die albernen Begriffe eines propriétaire des 19. Jahrhunderts; er hält die Erde für sein Eigenthum , und eben das reizt le Ser- pent-Prudent, der auch zur Erde und folglich zum adamitischen Eigenthum gehört. Geschickt benutzt er die Einsamkeit unserer Ururgroßmutter, die sich sterblich