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Der Brauch, Neujahrswünsche zu wechseln, theilte sich bald den höheren Ständen mit und kam selbst an den Hof. Ja, hier erreichte er recht seinen Gipfel, indem aus allen Ständen, vom Lord herab bis zum Gassen­kehrer, dem regierenden Haupte Geschenke gebracht wur­den. Die Königin Elisabeth scheint ihren ganzen Jah- resbedarf an Kleidern und Schmuck mit den Neujahrs- gescheuten bestritten zu haben, so daß sie ihre Anzüge nicht eigentlich nach den neuen Mode», sondern nach den neuen Jahren wechselte. Diese Gewänder, bie wohl abge­legt, aber nicht veräußert wurden, wuchsen mit der Zeit in den Kleiderkammern zu den außerordentlichsten Vor- räthen auf, welche die Königin bei ihrem Tode hinter­ließ. Wie man in England Alles, waS am Hofe ge­braucht worden, mit einer Art von Reliquien-Verehrung bewahrt, so haben sich auch noch Listen über die jähr­lich der Königin Elisabeth gelieferten Geschenke erhalten. Nach Mittheilungen, die man aus solchen hat, scheint es, daß die Paire und Pairinnen, die Bischöfe, die hohen Staatsbeamten und die Hofbediensteten bis zum Apotheker, Koch und Conditor herab, Neujahrsgeschenke in Geld, Schmucksachen, Kleidungsstücke» ». s. w. dar­brachte». Die höchste Summe, die ein weltlicher Lord gab, waren 20 Pfund, — freilich nach dem damaligen viel höheren Werthe deö Geldes zu rechnen. Der Erz­bischof von Canterbury gab das Doppelte, der von Dork 30 Pfund, die übrigen geistlichen Lords 20 bis 10 Pfund. Manche weltlichen Lords und höhere Beamte, so wie die meisten Pairinnen stellten sich mit reichen Gewä»der» , Unterkleidern, Frauenheniden, seidenen Strümpfen und Strumpfbändern u. dergl. ein, oder brachten Mäntel, zuweilen mit Perlen gestickte, so wie Granaten, Spiegel, Fächer, Armbänder, Kästchen mit eingesetzten Edelsteinen, Kleinodien mit Devisen aus funkelnden Steinchen, unb was solcher Zierrathen mehr war. In» Besondern werden auf einer der vvrgefuu- denen Listen folgende der Königin an einein bestimmten Neujahrstage dargebrachten Geschenke ausgekührt:

Sir Gilbert Dethik, der Wappenkönig, gab ein Buch über den Bestand deS Reiches zu Wilhelm des Eroberers Zeit, und ein Buch über die Rüstungen der Edelleute unter Heinrich des Fünften Regierung; Absa­lon, der Vorstand des Savoyer Quartiers in London eine Bibel in vergoldetem Einbande; der Antiquar Lom­

bard seine „Pandecta" über das Archiv im Tower. Der Arzt der Königin brachte eine Schachtel mit auö- ländischem Consect; ein anderer Arzt zwei Töpfchen mit frischem Ingwer unb mit Orangeblüthen.

tJch vermuthe daraus, daß der Leibarzt keinen festen Jahresgehalt bezog, sondern nach dem Un­wohlsein der Königin bezahlt wurde, das er das Jahr hindurch zu heben bekam.)

Zwei andere Aerzte gaben jeder einen Topf mit Ingwer und einen mit Limonienschalen.

(Diese scheinen den Leibärzte entgegengearbeitet zu haben.)

Der Königin Apotheker spendete eine Büchse mit Raute, eine mit eingemadikm Ingwer, eine mit eingemachten Orangen und einen Tops mit Zuckerobst. Der Küchen­meister lieferte einen schönen Marzipan, der Conditor einen hübschen Quittenkuchen und eine Büchse voll ge­nuesischer Pfirsiche. — Putriiw, ein Italiener, beschenkte die Königin mit zwei Gemälden. Jnnocenz Corry und AmbroS Lupo gaben zwei Schachteln mit Lautensaiten. Peter Lupo, Joseph Lupo und Cäsar Caliandro scheuk- ten drei Paar wohlriechende Handschuhe. Ein Messer­schmied brachte ein schönes Fleischmesser mit hornenem Stiel; Hieronymus Bassano zwei Trinkgläser, und Smyth, der Gassenkehrer einige Stab Kammertuch.

Die Königin nahm Alles und Jedes mit der Miene an, in der eine Huld als Gegengabe lag. Indeß machte sie auch wirkliche Gegengeschenke, wobei sie jedoch be­dacht gewesen sein soll, gegen daö Empfangene nicht zu kurz zu kommen. Ihre Vorgänger in der Regierung hatten diesen alten guten Gebrauch schon gehörig aus­gebeutet, unb da solcher nun einmal alö gewinnbringend angesehen ward; so stieg er immer mehr in der Gunst der Empfänger bis zu einem früher unerhörten Grad. Unb dies hohe Beispiel wirkte dann auch wieder zurück auf die Haushaltungen des Adelö, selbst auf dem Lande. Nur bei de» gemeinen Landleuten hielt sich der alte Brauch in de» alten Grenzen wechselseitigen guten Willens unb heitrer Freundlichkeit. Oder erwarb auch zuweilen der Anlaß für christliche Mildthätigkeit zu frommen Spenden; so daß dieser altheidnische Ge­brauch zu einer neuen Fassung für den Juwel ächtchrist­licher Tugend wurde. (Beschluß folgt.)