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ihm die Frische und Natur, die Kraft und Größe. — Es scheint, alS ob der Mohr aus einer unsrer Volksver- sammlungen käme und erzähle, was er dort Alles ge­hört und gesehen. Ja er scheint selbst ein moderner Volksredner zu sein. Er ist sehr aufgeregt, wüthend, wenn man will, seine Haltung ist populair — man könnte sagen, gemein — daS ist kein großer Mann, der hat nicht die Leidenschaft der Desdemona entzündet. Freilich, die Dame auf dem Bilde ist auch keine Des- demona. — So hätte man sich denn unter den Lieblingen des Publikums vergebens umgesehen, traurig zieh ich ab und suche weiter. — Da fesselt ein lautes Durchein­anderrufen in der Nähe meine Aufmerksamkeit. Ich trete hinzu und finde viele Herren vom Civil und Mili- tair vor einem Bilde von Wenderoth, betitelt „die Löwensagd," eifrig beschäftigt. Hat Niemand das Hin­tertheil dieses Gaules gefunden? ruft der Eine. Ich Habs, ich Habs, das Mohrenbein, ein Anderer. Nein, das gehört diesem hier, ein Dritter. Suum cuique! Wahrlich, diesen löblichen Grundsatz durchzuführen, ist an diesem Bilde schwer. Welch grauses Spiel, welch rothes Durcheinander! Pferderücken, Löwentatzen, Lan­zen, Mohrenbeine, wie in einem Kaleidoskop gerüttelt. Dieses Bild ist in Paris geinalt; eö gleicht der rothen Republik nicht blos an Nöthe, sondern auch an wüster Unklarheit. Es ist ein Bild unserer Zeit auch darin, daß es in seinen einzelnen Partieen gar Viel des Treff­lichen enthält. Wären nur die schönen Einzelheiten vernünftig geordnet und aus dem bunten Wirrniß heraus. — Verstimmt und afficirt von den rothen Be­trachtungen , denen ich doch hier entfliehen wollte, trete ich endlich — es ist die höchste Zeit — hin vor ein reines Gebilde wahrer Kunst. Ich meine die Judith von unserm Landsmanne Jhlse. Nicht das entsetzliche Mann­weib, das uns früher immer eutgegeutrat, nicht die wüthende Mörderin mit dem großen geschwungenen Schwerte und dem gräßlich verzerrten Holoferneskops; eö ist die Heroine, deren weibliche Hoheit selbst nach dieser That noch versöhnend unser Herz bezwingt. Der Künstler hat eine der schwierigsten Klippen um­schifft , und die geläuterte Auffassung der Judith zeugt von einem ästhetisch edlen Sinne. Diese Judith

ist durch und durch edel, edel im Ausdrucke des Kopfes, edel in der Haltung, edel selbst in der abgewandten Weise, womit sie den Kopf des Feindeö — das noth­wendige Merkmal ihrer That — blicken läßt. In dieser Gestalt fühlen wir uns gehoben und veredelt, das rein Menschliche tritt und selbst nach der furchtbarsten That sieghaft entgegen. Auch das milde und gebrochene Licht, in welches der Künstler sein Bild gehüllt hat, ist sehr passend. Wir haben dem Künstler für sein Werk zu danken. (Fortsetzung folgt.)

Auf Helgoland.

Sonette von Fr. Oetker.

1. Ankunft.

Gegrüßt, gegrüßt! ich steh' an deinen Schwellen, Glücksel'ges Land, ersehntes Ziel der Reise! Voll heil'ger Andacht hör' ich schon die Weise Des brausenden Gesangs der Meereswellen.

Nimm Strand mich auf! Verschüttet mir, ihr Hellen Smaragd'neu Fluthen all die alten Gleise, Zieht um mich her den Zauber eurer Kreise Und gießt mir aus des Lebens frische Quellen!

An diese Felsen lehnt sich mein Vertrauen, Hier ist es gut, hier laßt und Hütten bauen, Und selbstvergessen alle Welt gewähren;

Die stummen Lootsen sollen uns belehren, Wir wollen lungern und vom Falme schauen Und dann und wann und balgen mit den Meeren.

IL Begegnung.

Wie nenn' ich dich, du anmuthreiche Schöne?

Wie grüß' ich dich in meines Herzens Drang?

O daß ich wüßte alle Zaubertöne

Und aller Lieder seelenvollsten Klang:

Wie sollte preisen dich mein Jubel Sang!

Doch wo, ich ärmster aller Erdensöhne, Wo fänb' ich Worte all mein Leben lang, Womit ich würdig deine Reize kröne?

Wie ein Gebild aus lichten Himmelshöhen, Wie eine Göttin aus des Meeres Schaum, Sah' ich entzückt dich lieblich vor mir stehen.

Die Wogen küßten deines Kleides Saum, Und als du schwandest ward dein Fußtritt kaum Jin weichen Dünen-Sande noch gesehen.

Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck und Verlag von Th. Fischer in Cassel.