Unterhaltungsblatt
zur Neuen Hessischen Zeitung.
^M 21. Sonntag, den 19. November. 1848.
Kunst in Schwaben.
(Fortsetzung und Schluß).
Auö dem Classischen gehen wir ins Romantische über, von der Plastik zur Glasmalerei, aus dem Schloßgarten in die Stiftskirche. Ihren düstern Chor, denselben aus dessen Tiefen Meister Ludwig die geharnischten Schatten des Rauschebarts aufbeschwor, hat nun auch die Malerkunst mit potenzirter Farbenpracht und Lichtwirkung verklärt. Das Mittelfenster — die beiden zur Seite und das über den Eingang werden demnächst mit gleichem Schmuck folgen — ziert ein großes Glasgemälde, in zwei Darstellungen zerfallend. Die größere, zugleich durch Farbenpracht ausgezeichnete, ist die Kreuzigung ; die kleinere, fast grau in grau gehalten, die Grablegung. Diese unten, je oben. Gleich über diese Zusammenstellung erlaube ich mir mit dem verdienten und berühmten Manne, den unsere Kunstschule seit einiger Zeit den ihrigen nennt, mit Hrn. Neher, zu rechten. Abgesehen davon, daß ich, meinetwegen aus rein persönlicher und ungerechter Empfindung, die ausschlicßcnde Vorliebe der heiligen Historienmalerei für den martyro- logischen Theil ihrer Stoffe so wenig begreife als billige, scheint im vorliegenden Fall die Geschichte rückwärts gelesen worden zu sein. Das Neue Testament erzählt uns erst die Kreuzigung und dann die Grablegung des Herrn. Aus dem Grabe steigt der Erlöser am dritten Tage auf. Hier aber steht auf dem Grabe das Kreuz. Oder wächst das Bild nicht, wie seine Blumen und Arabesken, von unten nach oben, und soll ich den Gekreuzigten in seine Gruft herabfallen sehen? Mir scheint, gerade für die Besonderheit der Glasmalerei wäre die Darstellung der Auferstehung mit ihren vollen starken Lichtern und Farben, im Gegensatz zur dunklen Grablegung, die günstigste gewesen, und für die christliche Weltanschauung ein Osterbild mindestens ebenso bezeichnend wie ein Charfreitagsbild. Der Künstler hat anders gegriffen, und wir folgen ihm. Er stellt in die
Mitte fseines Bildes das Kreuz, von der knieenden Magdalena umfaßt, rechts Johannes, links Maria, in Schmerz versunken; über beiden schwebend zwei trauernde Engel, unb über dem Kreuze ein dritter segnend. Diese ängstliche, fast architektonische Symmetrie kann kaum eine Komposition heißen. Der Hintergrund ist nicht der dunkle zerrissene Himmel, den die Schrift schön beschreibt, nicht der Blick auf Jerusalem, sondern der traditionelle, mystische, schwere, blumendurchwirkte, befrauzte Teppich, auf dem, statt in freier Luft, die Engel schweben müssen; wiederum eine Abweichung von der Geschichte, die ich nicht verstehe. Der ganze Styl der Komposition lehnt sich an die Florentiner, jedoch nur an die ältere, kränkelnde Ueberlieferung ihrer Schule, ohne bis an die lebensfrische Kraft und Anmuth Leo- nardo's da Vinci, ohne an die gesunde Naturauffassung des Masaccio zu streifen. Die Ornamentik in durchaus gothischem Styl, von dem Architekten Hrn. Beisbarth aus Stuttgart, leidet an dem Zuviel des Guten, und opfert, bis zum Kleinlichen ausartend, ihrem bunten Gemisch von zierlichen Gliederungen, Laub - und Blumenwerk, die einfache, den Dimensionen des Ganzen entsprechende Wirkung. In der Glasmalerei haben die Gebrüder Scherer auS München den Künstlerruhm ihrer Vaterstadt bewährt. Die oft versuchte Parallele jedoch mit den Glasfenstern der dortigen Aukirche hält unser Werk nach keiner Seite aus. Dort sehen wir abgerundete Gemälde, Staffeleibilder, verherrlicht durch die poteuzirte Lichtwirkung, moderne Kunst, welche ihrem Zweck eine mittelalterliche Besonderheit dienstbar macht. Nur so kann die Glasmalerei überhaupt verstanden und wirksam werden, nicht aber durch peinliche Nachahmung des Mittelalters, dessen pikante und schlagende Einfalt |ie so wenig in der Komposition wie im äußern Beiwerk, frappant bis zu den Bleizügen und Steinumrahmungen, zu erreichen vermag. Wohl aber geräth sie in dem Streben nach Aehnlichkeit unfehlbar auf den Abweg der Schwäche und der Manier, welcher um so