Unterhalt nngsblatt
zur Neuen .Hessischen Zeitung.
^» 20. Sonntag, den 12. November. 1848.
Die Glückseligkeit in der Republik.
(Ein Gespräch aus dem Französischen. Le Voleur, 1848).
Die Republik. Ich höre Nichts als Aeußerungen deS Mißvergnügens über mich, Alle klagen und Alle verwünschen mich. DaS sind gewiß nur schändliche Derlâumdungen , ich will mich selbst davon überzeugen, die Sache aufklären und die glücklichen und zufriedenen Bürger ermitteln, die ich nicht weit werde zu suchen haben. Ich sehe da einen wackeren Grundeigenthümer, der wird mich gleich belehren. Gruß und Brüderlichkeit, Bürger Grundeigenthümer! sage mir, Freund, bist Du glücklich und zusrieden?
Der Grundeigenthümer. Wie es ein Mann sein kann, der seine Häuser nicht vermiethet, seine Ernd- ten nicht verkauft und noch ein Mal so viel Abgaben bezahlen muß, kurz der ruinirt ist.
Die Republik. Der ist ohne Zweifel nicht zufrieden. Suchen wir einen anderen. Der wackere Rentner, den ich da sehe, der wird gewiß zufrieden sein. Gruß und Brüderlichkeit, Bürger Rentner! nun, mein Lieber, wie geht es?
Der Rentner. Wie es Einem gehet, der die Hälfte seines Vermögens verloren hat und fürchtet, im nächsten halben Jahre seine Zinsen nicht zu erhalten.
Die Republik. Das ist sonderbar! auch nicht zufrieden! ? Doch weiter, bei dem Fabrikanten dort wird es besser lauten. Gruß und Brüderlichkeit, Bürger Fabrikant! nun wie geht es mit der Fabrik?
Der Fabrikant. Ich habe die Hälfte meiner Arbeiter bereits entlassen, und werde, wenn es so fortgeht, die andere Hälfte morgen entlassen.
Die Republik. Der ist nicht zufriedener wie die zwei anderen; siehe da, ein Kaufmann. Gruß und Brüderlichkeit, Bürger Kaufmann! wie gehen die Geschäfte?
Der Kaufmann. Entschuldige, ich habe Eile und muß aus das Handelsgericht, um meine Zahlungs- unsâhigkeit anzuzeigen.
Die Republik. Ich habe Unglück; doch nicht verzagt! Gruß und Brüderlichkeit, Bürger Rheder! sage mir, wie geht eS mit Deinen Schiffen?
Der Rheder. Wenn es noch einige Zeit so fort- geht, werde ich sie als Brennholz verkaufen.
Die Republik. Das heißt Pech haben; doch weiter! Gruß und Brüderlichkeit, Bürger Krämer! Nun, wie geht eS mit dem Kram?
Der Krämer. Du kannst es selbst sehen, lese die Inschrift: „Laden zu vermiethen."
Die Republik. Das ist erstaunlich; doch halt, da ist ein Angestellter. Gruß und Brüderlichkeit, Bürger Angestellter, Du hast gewiß ein gutes Stellchen?
Der Angestellte. Schönen Dank! die Republik hat meinen kleinen Gehalt so beschnitten, daß ich fast Nichts zu leben habe.
Die Republik Was ist das, ich finde nur Unzufriedene? Ah, siehe da, ein guter pariser Bürger, dem geht es gewiß besser. Gruß und Brüderlichkeit, Bürger! Nun, wie schlendert es sich so herum?
Der Bürger. Tag und Nacht mit einem fünf Fuß langen Schießprügel auf den Schultern, das ist ein schönes Herumschlendern, geh zum Teufel damit!
Die Republik. Nun Bürger Künstler, ein Wort nur! welches Kunstwerk hast Du zur Verherrlichung der glorreichen großen Republik in Arbeit?
Der Künstler. Du siehst es, ich gehe, den Stock in der Hand, spazieren.
Die Republik. Geduld, wenn es nur an einem Gegenstand fehlt, so kann ich einen solchen geben, mein Porträt.
Der Künstler. Danke schönstens, ich mache keine Carricaturen, wende Dich an Eham oder an Dantan, das ist deren Sache.
Die Republik. Der Flegel! Ein glücklicher Zufall, da ist mein Mann, ein Arbeiter; ich müßte mich sehr irren, wenn der nicht glücklich und zufrieden wäre. Gruß und Brüverlichkeit, Bürger Arbeiter! Nun, hast Du viel Arbeit?