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Unter Haltungs blatt

zur Neuen »desssf^err Zeitung.

âl l^ Sonntag, den 5. November. 1848.

Die Königstochter

(Aus dem Französischen.)

Carl Johann, König von Schweden, früher General Bernadotte, war wohl der schlauste Diplomat seiner Zeit. Obgleich in niederem Stande geboren wußte er alle Hofintriguen zu ergründen und zu beherrschen. Doch war ein solcher Charakter nicht der eines Helden und Königs. Bernadotte war mit Desideria, der Toch­ter eines reichen Negotianten vermählt, die er, wie seinen einzigen Sohn, den jetzigen König von Schweden, aufs zärtlichste liebte. Aber um diesem eine Krone zu erringen, mußte Desideria, die in Schweden nicht gefiel, zurück nach Paris 'gehen und dort bleiben. Sie blieb mit ihrem Gemahl in ununterbrochenem Briefwechsel. Carl Johann machte der Maitresse des alten Königs, ehemaligen Herzogs von Südermannland, einem Fräu­lein von Koskull den Hof. Eine Schwester von ihr, eine geschiedene Baronin, hat eine Weile in Berlin geO lebt, wo man ihr auch geheime Intriguen Schuld gab. Das Fräulein war weder jung noch schön, nur die Po­litik führte den Kronprinzen zu ihr. Nach einiger Zeit machte sie eine Reise nach Paris, über die in Stock­holm viel geredet wurde. Im Findelhause zu Paris, in der Vorstadt Brest, wurde eines Tages ein kleines Mädchen ausgenommen, das schon über ein Jahr alt war und den Namen Solange führte. Die Eltern ver- sprachen in einem Briefe an die Oberin, das Kleine in der Kürze zurückzufordern, aber nicht lange darauf kam ein Brief an, worin sie schrieben, es sei ihnen un­möglich geworden. Solange blieb bis in ihr vierzehn­tes Jahr ohne alle Freuden der Kindheit; kränklich, wenig unterrichtet, mußte sie auf dem Platz Saint-Louis Gemüse und Lebensmittel für das Kindelhaus einkaufen. Hier sah sie ein junger Hannoveraner, damals Haupt­mann in französischen Diensten, und bewunderte ihre zarte Schönheit und ihr sanftes anmuthsvolles Wesen. Einige Tage später kommandirte er die Wache am Thore Lan-

dernau, nahe beim Kirchhofe von Brest, und eben würd e ihm erzählt, man habe am Tage zuvor ein junges Mädchen aus dem Findelhause dort begraben, die in einem Anfall von Krämpfen verschieden sei. Sie wäre auf einem Karren zum Todtenhofe gebracht worden und sei nur in ein grobes Tuch eingeschlagen gewesen, womit man sie ohne Sarg in die große Todtengrube geworfen und nur leicht mit Erde bedeckt habe. Die Geschichte war kaum zu Ende als in der Nähe ein Schuß fiel. Der Capitain nimmt einen Korporal und drei Mann mit sich, um zu untersuchen, woher er komme und findet einen blutjungen Soldaten in seinem Schilderhause ohnmächtig hingesunken, krampfhaft um klammert von einer halbnackten, blutenden, weiblichen Gestalt, in ein grobes Leichentuch gehüllt. Er erkannte das schöne Mädchen vom Platz St. Louis, bedeckte sie mit seinem Mantel und ließ sie in seine Wohnung bringen. Solange war in der Nacht aus ihrem To- desschlummer aufgestanden, und hatte halbbewußtlos den Weg nach dem Thore angetreten. Auf das: Wer da? der Schildwache erwiderte sie nichts. Der Soldat drückte los und streifte ihre Schulter; sie setzte stumm ihren Weg fort, er, der sie für ein Gespenst hielt, flüchtete in sein Schilderhaus, aber auch Solange ging mechanisch da hinein. Der junge Soldat wurde ohn­mächtig vor Schrecken, und auch sie verlor die Besin­nung vor Erschöpfung und Kälte.

Der Capitain, dem Solange durch so wunderbare Fügungen zugeführt war, sah darin einen Wink der Vorsehung. Solange, in der Welt gestorben und be­graben, war sein Eigenthum; er that sie nach Rheims in eine gute Pension. Dann ging er nach Hannover zurück, um seine Güter zu verkaufen, fand sie aber in Besitz eines Andern .... Ein Aufenthalt in Nenn­dorf, wo er mit dem Besitzer zusammentraf und diesem, der sich in augenblicklicher Verlegenheit befand, 300 Thaler auszahlte, ordnete das Geschäft zu Guusten des Capi- tains. Er verkaufte seine Güter in Hannover, ver-