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Begebnisse ein paar flüchtige Worte darüber zu sagen. — Schillers wundervolle Dichtung ist bei aller Herr­lichkeit der Gedanken, aller Fülle des Inhalts, aller Pracht der Sprache und des Ausdrucks, doch keine vol­lendete Tragödie, kein durchaus vollkommenes Kunst­werk. Die Tragödie erfordert menschliches Wesen, menschliche Leidenschaft, menschliche Handlung, Schuld und Sühne. Die Jungfrau aber tritt aus diesem Kreise hinaus, sie schreitet wie eine Gestalt des Himmels ein­her, nicht freithätig handelnd und kämpfend, sondern erfüllt und getragen von göttlicher Kraft; sie verläßt Vater, Heimath, Geschwister, und thut, wie „des Geistes Ruf an sie ergangen", aber nicht wie menschliche Bestrebung und Selbstbestimmung es heischen; sie kämpft nicht, weil sie ringt, und unterliegt nicht, weil sie schuldvoll die rechten Bahnen verlassen, sondern sie er­füllt eine höhere Sendung und unterwirft sich „schwei­gend dem Geschick." Darum erweckt ihre ganze Er­scheinung wohl Bewunderung und Verehrung, aber nicht überall dramatisches Interesse. Und wo ist die Schuld? Johanna verläßt zwar wirklich die rechten Bahnen, indem sie den lebenögemäßen Boden und die Grenzen der Weiblichkeit überschreitet, aber die tragische Verwickelung und Entwickelung ist keine Folge^dieses Fehls. Die Jungfrau fällt nicht zur Sühne einer Schuld, sondern in Folge eines Wahnes, eigenen wie fremden ; sie glaubt sich schuldig, weil sie ein schönes Manns- gesicht schön finden mußte; ein einziges Wort kann sie retten, aber sie schweigt in irrendem Wahne, und als sie den Irrthum hätte erkennen müssen, sagt sie wieder­um ergeben: „Es war kein Irrthum, eine Schickung war's." Das genügt aber nicht, eine solche Verblen­dung oder auch Befangenheit erscheint wohl mitleids- werth, aber nicht tragisch. Johanna selbst fühlt es einen Augenblick, daß sie nicht schuldig ist; als die „weiche schmelzende Melodie" sie rein menschlich bewegt, spricht sie jammernd aus: „Und bin ich strafbar, weil ich menschlich war?" Doch nur einen Augenblick fühlt sie's, dann klagt sie sich an:

Unglückliche ! ein blindes Werkzeug fordert Gott; Mit blinden Augen mußtest du'S vollbringen!

Sobald du sahst, verließ dich Gottes Schild,

Ergriffen dich der Hölle Schlingen!

Der wunderbar schöne Monolog (des vierten Aus­zugs) ist offenbar zur Vermittelung und Ergänzung der Handlung bestimmt, rückt aber das Unklare mehr zu­sammen, als er es vermindert, indem Johanna sich bald der „irdischen Liebe" anklagt, bald des „Landes Feind" im Auge hat, bald der Ueberhebung der „zarten Jung­frau" und der „Hirtin" gedenkt und dann schließt:

Doch du rissest mich ins Leben,

In den stolzen Fürstensaal,

Mich der Schuld dahin zu geben,

Ach! es war nicht meine Wahl!

So bereitet sich der quälende und qualvolle Auf­tritt vor, wo Johanna vom Vater angeklagt, von Allen

verlassen wird, nur von Raimond nicht, dem „einigen Wesen, das sich an sie kettet." Sie schweigt auf die weitschichtige, man mögte sagen hinterlistige Frage: „Ge­hörst Du zu den Heiligen, den Reinen?" Sie kann antworten, sie antwortet ja später, aber sie denkt nur der vermeintlichen Fehle, und unterwirft sich „schwei­gend dem Geschick." —

Die Darstellung der Jungfrau ist keine leichte Auf­gabe. Es ergibt sich das schon aus dem Gesagten, und der Schwung und die Fülle der Schillerschen Verse ist eine weitere Klippe für mittelmäßige Talente. So be­liebt die Rolle ist, so selten wird sie richtig erfaßt und befriedigend dargestellt; die meisten Schauspielerinnen machen nur ein prunkendes Declamationsstück daraus. Fräulein Thate aber löste ihre Aufgabe mit seltener Meisterschaft. Ihre Auffassung war richtig, ihr Spiel durchdacht und doch voll schöpferischer Unmittelbarkeit, ihre Bewegung fest und doch voll weiblicher Anmuth, ihr Vortrag gehalten, von den rhythmischen Hebungen der Verse mehr getragen als fortgerissen. Wie fein und klar, wie bildnerisch-lebendig wußte sie all die wech­selnden Lagen und Stimmungen zur Erscheinung zu bringen! das träumerische Naturleben, die gotterfüllte Schwärmerei, die Wehmuth des Abschieds, die Aufre­gung der Seherin, die Begeisterung für König und Va­terland, Kampf, Sieg, höchster Stolz und frömmste Demuth, verschlossenste Jungfräulichkeit und plötzlichste, brennendste Liebe, Angst und Qual, Leidmuth und Thrä­nen, Heldensinn und „der Hirtin weiche Seele", Jubel des schwesterlichen Herzens, Vernichtung, Erstarrung, Ergebung, Haß und Verzweiflung, „heißer Flehens­wunsch", Gläubigkeit und Erlösung, Sieg und Tod: wie entfaltete sich alles so klar und reich vor unsern Blicken! Selbst im „starren Schweigen" war lebendiger Ausdruck; mit richtigem Sinn wandte die Darstellerin das Auge mehr gen Himmel als zur Erde (Andere machen es oft umgekehrt), denn die Jungfrau weiß sich des „Ungeheuren" ja nicht schuldig, dessen man sie zeiht, sie schweigt nur, weil „der Himmel spricht." Nur An­fangs hätte der Blick mehr dem anklagenden Vater zu­gewendet sein müssen, denn „weil es vom Vater kam, so kam's von Gott." Auch einiges Andere ließe sich wohl erinnern, doch wollen wir uns damit den Genuß nicht verkümmern, den uns die begabte Künstlerin in so reichem Maße bereitet hat. Selbst ihr Organ, das nicht in allen Tonlagen ganz klangvoll ist, that der Darstellung keinen wesentlichen Abbruch, da sie durch weise Vertheilung der Kraft auch dem Vortrage dieje­nige Harmonie zu geben wußte, durch welche ihr ganzes Spiel, ihre ganze Erscheinung, gehoben durch eine seine, edle Gestalt und Gesichtsbildnng , sich so vortheilhaft auszeichnen. Mögteu wir bald Gelegenheit haben, Fräulein Thate auch in anderen Rollen höherer Be­deutung zu bewundern, und möge es nie verkannt wer­den, welches ungewöhnliche Talent wir in ihr besitzen!

Verantwortlicher Herausgeber: Fr. Oetker. — Druck und Verlag von Th. Fischer in Cassel.