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gar keine Briefe, nur Billets in den Zwischenpausen deS fast täglichen Zusammenseins geschrieben, aber eben deshalb nur um so mehr eine unmittelbare Folge eben stattgefundener Anregungen. Die glühendste Innigkeit liegt oft nur in einem einzigen Wort, daS zwischen gleichgültigen Außendingen steht. Immer ist der Ton überaus herzlich, besonders zutraulich von Mann und Kindern redend, unbeschadet derer aber dann doch wieder eine Klage oder Forderung der Liebe mit ihren naivsten Naturlauten ausgesprochen wird; das traulichste Du und die süßesten Namen drängen sich unwillkürlich und höchst unbefangen in die einfachsten Bestellungen und Anfragen. Es ist die Neigung zu dieser Frau, die Wiederholung des Dichterschickfals, welches seit Petrarka sich gleichsam auf alle Poeten vererbt hat, eine Art Entwicklungskrankheit des Herzens, >daß die Liebe nicht ohne Kampf eintreten kann. Hölderlin und neuerdings Lenau sind daran untergegangen; Jmmermanns Verhältniß zur Gräfin Alefeldt, Tieck und die Finkenstein, Schiller und die Kalb, gehören dagegen der Kategorie an, zu der auch Göthe und Frau von Stein zu zählen sind, bei ihnen hat die Sphinr der Liebe das Antlitz der Freundschaft angenommen. Göthe hatte auch wohl schon in seinem Werther einen großen Theil Zündstoff abgelagert, sonst wäre vielleicht die Flamme nicht immer wieder so leicht unterdrückt und endlich zu milder Wärme verklärt worden, die dem Verhältniß in unverändertem Grade während elf langer Jahre verblieb; erst nach der italienischen Reise trat eine Erkaltung ein. Aber auch diese machte in späterer Zeit einem freundlichen, geselligen Verkehr Platz, so daß ein Zeitraum von 50 Jahren dies merkwürdige Verhältniß umfaßt. Das Mitthei- lungsbedürfniß, sonst nicht in der Göthe'schen Natur vorherrschend, scheint doch hauptsächlich die Grundlage desselben gewesen zu sein, denn er schreibt einmal der Freundin, die sich vor einem seiner ZärtlichkeitSaus- brüche auf's Land geflüchtet hat, mit ungeduldiger Klage: „die Gegenwart im Augenblick des Bedürfnisses entscheidet alles, lindert alles, kräftigt alles. Der Abwesende kommt mit seiner Spritze, wenn das Feuer nieder ist." So sind seine meisten Briefchen auch nur Begleitschreiben seiner Arbeiten, deren schönste gerade in jener Zeit entstanden, wie Iphigenie, Eg- mont, der Keim zu Wilhelm Meister u. s. w. Zwischen
den Zetteln finden fich die ersten Anfänge von Gedichten, die in dieser Version gewiß nicht bekannt sind, z. B. daS schöne Mondlied: „Füllest wieder Busch und Thal", Wanderers Nachtlied, und andere, alle mehr oder minder voll genauer Beziehung auf die Freundin. Wie vertraulich er ihr Alles sagte, beweist auch, daß er von der Harzreise aus an sie schrieb: „Mit FrauenS habe ich noch nichts zu thun gehabt bisher." Und aus der Schweiz schreibt er nicht minder offenherzig, wie bezaubert er durch die schöne Markise Branconi, eine ehemalige Fürstengeliebte, gewesen sei. Dieselbe kommt später auch einmal nach Weimar; da klagt Göthe naiv oder schlau, daß der Zauber verschwunden sei, denn in ihrer Nähe lasse ihn alles Uebrige kalt. Auch über die Wendung des Schicksals spricht er seine Freude aus, welches sein Herz zu ihr geführt, ihn von Friederiken und Lili losmachend. Ueber erstere findet sich noch ein beach- tenswerther Aufschluß, bei Gelegenheit seines letzten Besuchs in Sesenheim, den er der Freundin beschreibt. Er bewundert die zarte Zurückhaltung, womit sie vermied auch nur die leiseste Andeutung auf seine frühere Liebe zu geben, während sie ihn doch an alle die Stellen im Garten führt, welche acht Jahre früher der Schauplatz derselben waren. Der Empfang, ver ihn von den Eltern und Geschwistern Friederikens zu Theil wird, ist nicht minder treuherzig und unbefangen. Die Herzenskälte, womit Göthe dies Zusammentreffen im gewöhnlichsten flüchtigsten Wortlaut schildert, hat etwas Verletzendes; sollte er wirklich nicht tief gerührt worden sein von dem sanften Heldenmuth der armen Friederike, die ihren Schmerz und ihre Liebe so gänzlich verläugnete? Jedenfalls haben sich an diesem ächt weiblich stolzen Herzen die Literarhistoriker noch mehr versündigt, als Göthe mit seiner kalten Liebe, denn sie haben das Andenken des Mädchens verdunkelt, indem sie bei ihrer Curiositätenjagd versuchten, die Idylle von Sesenheim in eine niedrige Verführungsgeschichte zu verwandeln. Friederike ward nicht verlassen, nur vergessen, das geht untrüglich auS Göthe's Worten hervor; wäre es anders, wie hätte er wagen können, vor einer reinen Frau so rücksichtslos seines Opfers zu erwähnen! Er schreibt der Freundin argloS, daß die erste Trennung von ihm Friederiken eine lange gefährliche Krankheit zugezogen